Wer erinnert sich noch an die legendären "libanesischen Clans", die angeblich ganze Straßenzüge des verrufenen Berliner Stadtteils Neukölln beherrschen? Aus der Zeit, als sich die Deutschen in die Sarrazin-Phantasmen hineinzusteigern begannen und die völkische Rechte anfing, Tritt zu fassen und sich in ostdeutschen Städten zu organisieren, sind sie so wenig wegzudenken wie die Rütli-Schule und der "Gender-Wahnsinn". In der Nachbarschaft der Worte "Clan" und "libanesisch" stand meist auch, weniger als einen Punkt und einen Beistrich entfernt, dass sich die Polizei gar nicht mehr dorthin traut. Und nun soll dieses Phantasma nicht nur unterhaltend aufbereitet werden, sondern der Sender TNT wünscht sich für seine Serie 4 Blocks, dass ihm der libanesische Clan der Hamadys den ersehnten Weg zur ersten deutschen Qualitätsserie amerikanischer Prägung bahnt.

Schon zu Beginn der ersten Episode wird dieser Topos der verängstigten Polizei mit einigem filmischen Ehrgeiz vor der klug gewählten Kulisse altprogressiver Architektenutopien inszeniert. Zwei Polizeibeamte verfolgen einen Drogendealer, der im Trainingsanzug des Jogi-Löw-Teams zu entkommen scheint. Er flieht in die High-Deck-Siedlung an der Sonnenallee, die Mitte der siebziger Jahre mit urbanistischem Ehrgeiz entstand. Dort kann man, was damals bei ambitioniert-brutalistischem Sozialneubau angesagt war, auf zwei Ebenen lustwandeln. Nun stoppt der Dealer unten auf Straßenlevel, während sich darüber auf der Hochstraße für Fußgänger die polizeifeindliche Jugend zusammenrottet und die verlorenen Streifenbeamten mit semigefährlichem Zeug bewirft. "Wir müssen abbrechen!", schreit die junge Polizistin überfordert. Klar, dass sie sich nie wieder in diese erlebnisorientiert bebaute Gegend trauen wird.

4 Blocks heißt die Serie nach Neuköllner Äquivalenten zu den US-üblichen Bebauungseinheiten, die sich in Berlin allerdings nicht immer so ohne Weiteres identifizieren lassen. Vier davon kontrolliert die Familie Hamady, angeführt von dem sympathischen Bartträger Toni (Kida Khodr Ramadan). Doch sind die Blocks der Karl-Marx-Straße nahe der Neukölln Arcaden, an denen man Toni Streife gehen und sein Territorium checken sieht, deutlich weiter als vier Einheiten von der High-Deck-Siedlung entfernt. Ungefähr auf halber Strecke dazwischen liegt seine komfortabel-bürgerliche Wohnung in der Weserstraße 131. Die Adresse wird in den Unterlagen ausgewiesen, die Toni und seine Frau für die seit über 20 Jahren begehrte unbefristete Aufenthaltsgenehmigung brauchen.

So umgänglich der mit Berliner Mutterwitz, Schnauze und Empathiefähigkeit ausgestattete Toni seinen angeblichen Clan von seinem Altbaubalkon aus führt, so ungehorsam, irrational und bescheuert sind seine Unterlinge aus dem Brutalismusbau. Am schlimmsten treibt es ein besonders überhitzter Bruder (Veysel Gelin), der sich an das nicht hält, was Toni als Grundsatz des Familienunternehmens formuliert hat: "Wir sind keine Mörder." Man war schon besorgt: Was soll das denn werden – einer von den sagenhaften libanesischen Clans, und dann morden die nicht mal? Aber dann lernen wir: Die Libanesen sind sehr verschieden. Man kann die Männer unterscheiden, wenn man sich ihre Frauen anschaut: Der vernünftige Toni hat eine nette, verständnisvoll-kluge, westlich orientierte, der etwas weniger helle Schwager unterdrückt die attraktive Kopftuch-Schwester. Der unkontrollierbare Hitzkopf hingegen übertreibt es in die andere Richtung und lebt mit einem nuttigen Flittchen deutscher Herkunft zusammen, das schon tagsüber dem Sekt zuspricht.

Auf der anderen Seite haben die Hamadys dieselben Ansichten wie alle anderen. Die niederen Chargen regen sich über die vielen amerikanischen und skandinavischen Hipster in Neukölln auf, weil "sie hier in Deutschland kein Deutsch sprechen", während der Chef, Toni, sie mag, denn "die sind gut fürs Geschäft". Toni möchte, sobald er seinen unbefristeten Aufenthalt hat ("Jeder Asylant hat mehr Rechte als wir"), endlich aus vollen Zügen legaler Spießer, Immobilienunternehmer und Staatsbürger werden, "deutscher als die Deutschen". Nur dumm, dass seine erweiterte Familie und ihre Kreise immer noch Hip-Hop-Fantasien nachspielen müssen und im Görli afrikanische Dealer herumschubsen wollen.