Wenn nach der wichtigsten Theorie-Ikone des Marktliberalismus gefragt wird, so werden die meisten antworten: Adam Smith. In einer runderneuerten Biografie dieses Denkers, die auf einer vor bald drei Jahrzehnten erschienenen rororo-Monographie aufbaut, widerspricht nun der österreichische Philosoph Gerhard Streminger dieser unter Ökonomen gängigen Standarddeutung. Smith nämlich habe vielmehr eine soziale Marktwirtschaft begründet, bei der Märkte in soziale Strukturen, Sitten und in den Staat eingebettet sind. Und die oft diagnostizierte systematische Spannung zwischen der Theory of Moral Sentiments (1759) und dem Wealth of Nations (1776, 5 Teile, 900 Seiten) – beide Hauptwerke erlebten bereits zu Lebzeiten von Smith mehrere Auflagen – löst Streminger aus dezidiert moralphilosophischer Perspektive auf.

Anders als in seiner 2011 erschienenen opulenten Biografie über den schottischen Philosophen David Hume (2011) bleibt Streminger dessen Freund Adam Smith immer dicht auf der Spur; gekonnt verbindet er Leben und Werk. Der 1723 geborene Denker stammte aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, der Vater war Anwalt und die religiös eingestellte Mutter Tochter eines Mitglieds des schottischen Parlamentes. Smith beginnt 1737 sein Studium in Glasgow, das er von 1740 bis 1746 in Oxford fortsetzt. Mit 27 Jahren wird Smith Professor in Glasgow, zunächst für Logik, dann 1752 für Moralphilosophie. Der junge Gelehrte steht bald in engem Kontakt mit Politikern und Ingenieuren, beispielsweise James Watt. Smith verlässt jedoch die Universität mit ihren vielen administrativen Aufgaben und geht von 1764 bis 1766 als gut bezahlter Privatlehrer auf Reisen. In diesem Zeitraum forciert er die Arbeit am ökonomischen Werk Wealth of Nations, die insgesamt 17 Jahre währen wird, wobei Smith sein Buch in späteren Auflagen noch verfeinert. Ab 1778 ist Smith eines von fünf Mitgliedern der königlichen Zollkommission für Schottland, was vier Tage zeitraubende Arbeit im Amt pro Woche bedeutet. 1790 stirbt er in Edinburgh, wohin er als Zollkommissar erst zwei Jahre nach dem Tod von Hume übergesiedelt ist; dieser hatte sich den Weggefährten der schottischen Aufklärung schon lange vergeblich dorthin gewünscht.

Streminger erzählt von einem erfüllten Leben, voller Arbeit, Reisen und Freundschaften; neben Hume gehörte auch Edmund Burke zum Freundeskreis von Smith. Nur bei den Damen konnte er nicht wie gewünscht reüssieren. Er war zwar gesellig, geschickt in der Konversation, ein anziehender kluger Kopf. Und auch sein "Pferdegebiss" bildete kein Hindernis für weibliche Bewunderung. Allerdings hatten es die wenigen von ihm verehrten Damen nicht auf sein Herz abgesehen – daher blieb Adam Smith zeitlebens solo.

Besonders wichtig ist in Stremingers Biografie das Kapitel zur Theorie der ethischen Gefühle. Der Grundgedanke in diesem Werk von 1759 lautet, dass Sympathie (Smith meint Empathie) die Basis dafür bildet, Motive und Probleme von anderen verstehen zu können. Und der unparteiische Beobachter, den Smith als objektivierende Instanz konstruiert, dient dazu, das eigene Verhalten zu bewerten. In beiden Fällen geht es darum, sich in die Perspektive und Lage eines anderen hineinzuversetzen, um einschätzen zu können, was man eigentlich wollen müsste. Von hier aus entfaltet Smith seine originelle Theorie sittlichen Verhaltens, die auf dem von Streminger leider nicht näher erläuterten Konzept der Situation beruht. Gerade dieser Ausgangspunkt macht den Unterschied zu ethischen Theorien aus, die sich von ihnen bereits vorausgesetzten Normen und Werten widmen.

Die flüssig geschriebene Biografie des Experten für die schottische Aufklärung ist beinahe rundum gelungen. Smiths Idee des unparteiischen Beobachters ist allerdings variantenreicher, als Streminger meint. Smith spricht zwar vom unparteiischen, aber auch vom realen, kühlen und gut informierten Beobachter. Weil Streminger diese Doppelgesichtigkeit ausspart, wirkt das Konzept von Smith bei ihm einseitig – von der fehlenden Einordnung in die damals debattierten actor-spectator- Modelle, für welche die wechselseitige Beobachtung konstitutiv ist, ganz zu schweigen. Smiths gesamtes Œuvre – neben den beiden Hauptwerken existieren nämlich noch die Vorlesungen zur Jurisprudenz und Rhetorik, während 16 Manuskriptbände auf Wunsch von Smith verbrannt wurden – ist für Streminger Anlass, den Schotten spekulativ zu einem "modernen Aristoteles" zu erheben. Das irritiert deshalb, weil es Smith um Sozialtheorie geht und nicht um Philosophie im klassischen Sinne. Wichtig und bis heute viel zu unbekannt ist die Tatsache, dass Smiths berühmte Formulierung von der "unsichtbaren Hand" bloß dreimal im Gesamtwerk vorkommt und nur einmal in Wealth of Nations. Die spätere Verwandlung von Smith in einen Marktliberalen erfolgte entlang ebendieser so selten auftauchenden Metapher, die von seinen Interpreten so populär gemacht wurde, dass viele irrtümlich glauben, die "unsichtbare Hand" sei eine Leitmetapher seiner Ökonomie.

Stremingers Stärke ist die Einbettung dieses bedeutenden Denkers in seine Zeit. Hingegen wird dessen Relevanz als Vordenker sozialer Marktwirtschaft letztlich doch eher behauptet als belegt. Das verwundert kaum, denn Smith dachte Märkte noch teils nach einem einfachen Tauschmodell, teils als Marktprinzip, das voraussetzt, dass alle Produktionsfaktoren frei erworben werden können. Heute haben wir es mit einer Vielfalt von Finanz-, Kapital- und Waren-, aber auch Quasi- und Pseudomärkten zu tun. Wie solche Marktkaskaden sozial eingebettet werden können, darauf findet man bei Smith keine Antworten.

Gerhard Streminger: Adam Smith. Wohlstand und Moral
C. H. Beck, München 2017; 254 S., 24,95 €