DIE ZEIT: Herr Kleider, in Ihrem Dokumentarfilm Berlin Rebel High School erzählen Sie die Geschichte einer Klasse an der Schule für Erwachsenenbildung (SFE) in Berlin-Kreuzberg. Die Schüler haben sich nach missglückten Schulkarrieren spät entschieden, ihrem Leben eine Wendung zu geben und das Abitur nachzuholen. Sie selbst waren dort Schüler. Wie rebellisch waren diese Zeiten?

Alexander Kleider: Die SFE war für mich der erste schulische Ort, an dem ich glücklich war. Eine von Schülern und Lehrern selbst verwaltete Schule, die eine echte Gemeinschaft war. Keiner wurde fertiggemacht, keine Noten, kein Druck. Ich habe dort einen unglaublichen Wissensdurst entwickelt. Leute, denen in den Regelschulen niemand mehr etwas zugetraut hat, spüren hier zum ersten Mal den unbedingten Willen, etwas zu lernen.

ZEIT: Die SFE gibt es seit über 40 Jahren, bekannt ist sie nicht, warum?

Kleider: Sie hat sich immer als linkes revolutionäres Projekt verstanden, Werbung hat sie nie gemacht. Die im Regelsystem Gescheiterten kamen aus ganz Deutschland, und jeder bekam hier einen Platz.

ZEIT: Im vergangenen Sommer hat die SFE den Deutschen Schulpreis gewonnen, eine Schule ohne staatliche Anerkennung und Finanzierung. Was lässt sich von ihr lernen?

Kleider: Dass man Schülern Verantwortung geben sollte, für ihr eigenes Lernen wie für ihre Schule. Den Schülern der SFE wird klargemacht, dass jeder für seinen Abschluss selbst verantwortlich ist. Die Schüler kümmern sich um die Lerninhalte und um die Ökonomie der Schule. Ich wusste immer, wenn die SFE in den Miesen war. Dann war es an uns Schülern, zu überlegen, wie es weitergehen konnte. Die Schüler kümmern sich um Vertretungen und unterrichten zum Teil selbst. Jeder weiß, dass da keiner ist, der etwas erzwingen wird und ihn durchs Abi prügelt.

ZEIT: Welche Rolle spielt da noch der Lehrer?

Kleider: Eine wichtige! Auch wenn er sich an der SFE zurückhält, ist er doch mit seinem Wissen und seiner Begleitung die prägende Figur. Jedes noch so progressive Schulsystem würde scheitern, wenn es keine Lehrer hätte, die die Neugier wecken.

ZEIT: An der SFE bekommen die Lehrer im Schnitt 12,50 Euro pro Stunde. Führt das nicht zu Diskussionen?

Kleider: Man diskutiert immer wieder darüber, ob man eine Genehmigung beantragen sollte, um Abschlussprüfungen selbst abnehmen zu können. Bisher müssen die Schüler dafür an ein externes Gymnasium. Bekäme die Schule eine Prüfungserlaubnis, wäre damit auch die staatliche Anerkennung und eine finanzielle Unterstützung verbunden. Die Vollversammlung aus Schülern und Lehrern hat solche Pläne immer wieder abgelehnt, weil der Lehrer nicht zum Prüfer werden sollte. Und weil niemand die Freiheit dieser Schule dem Geld opfern will.

ZEIT: Ihr Film wurde für den Deutschen Filmpreis nominiert, am 11. Mai kommt er in die Kinos. Welche Wirkung erhoffen Sie sich?

Kleider: Ich wünsche mir, dass wir aufhören, eine Gesellschaft von verängstigten Menschen heranzuziehen. Eltern haben Angst, ihre Kinder könnten nicht gut genug auf den Wettbewerb vorbereitet werden. Lehrer haben Angst, sich die Missgunst der Eltern einzuhandeln. Und die Schüler selbst glauben, all den Erwartungen und Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden. Kinder brauchen Menschen als Vorbilder, die ihnen zeigen, wie sie sich an den schönen Dingen des Lebens erfreuen. Mein Lehrer Klaus war so einer. Im Film sieht man, wie er aufgeht in Literatur, Kunst. Aber auch, dass er in sehr bescheidenen Verhältnissen lebt. Von Klaus habe ich gelernt, wie einfach es ist, glücklich zu sein.