Immerhin waren die Lügen des Wladimir Putin noch dieselben, als er am Dienstag Angela Merkel in Russland begrüßte, zum ersten Mal seit zwei Jahren. Was in der Ostukraine vorgehe, dass dort Regionen abtrünnig seien, das sei allein die Schuld der Ukrainer. Russland helfe dort nur mit humanitären Gütern. Kein Wort über russische Soldaten, russische Waffen oder über Separatisten, die in Moskau hofiert werden.

So weit, so vertraut. Das weltpolitische Setting aber, in dem sich Merkel und Putin in Sotschi trafen, war ein brutal anderes als noch vor zwei Jahren. Zuungunsten der Kanzlerin: Die Briten treten aus der EU aus, Frankreich ist mit sich selbst beschäftigt, in Ungarn und Polen wird mächtig mit dem Autoritarismus geflirtet, und in der Türkei schafft sich Erdoğan sein politisches Wunschsystem ungeachtet europäischer Mahnungen. Vor zwei Jahren war Putins Russland die unberechenbare Großmacht, heute ist Trumps Amerika eher noch unberechenbarer. Das Verhältnis Trumps zu Putin schillert zwischen angekündigter Versöhnung und offener Feindseligkeit.

Und die Kanzlerin? In Sotschi konnte man sehen, wie sie dem politischen Irrsinn allerorten mutig und unaufgeregt entgegentritt.

Putin ist kein Hasardeur. Er kalkuliert die Risiken, die er eingeht, sehr genau

Eine Viertelstunde nach der Pressekonferenz von Merkel und Putin meldete das russische Staatsfernsehen, Merkel habe die Hoffnung geäußert, die 2014 von der EU gegen Russland verhängten Sanktionen aufzuheben. Es lag eine gewisse Dringlichkeit in diesem Spin: Offenbar setzen die Sanktionen der russischen Wirtschaft und den betroffenen russischen Politikern doch zu.

Aber auch der Druck auf die Kanzlerin steigt. In diesem Jahr hat Merkel die Bundestagswahl vor sich, und nicht nur die linke Opposition, auch Horst Seehofer drängt auf Aufhebung der Sanktionen. Ebenso Wirtschaftslobbyisten und einige der europäischen Länder, deren Bauern unter den Gegenmaßnahmen aus Moskau leiden. Selbst Donald Trump schien anfangs offen zu sein für die Idee, die Ukraine für den Kampf mit dem IS zu vergessen: Koordiniertes Vorgehen in Syrien, dafür schweigt er über die Krim und zeigt Desinteresse an der Ostukraine. Das wäre der Deal.

Es wäre also verlockend, jetzt einzulenken.

Doch die Sanktionen bleiben das entscheidende diplomatische Druckmittel, weil die Europäer aus guten Gründen militärische Optionen ausgeschlossen haben.

Es wird noch immer geschossen in der Ostukraine. Das Minsker Abkommen, das Merkel mitverhandelt hat, erlebt sein drittes Jahr, wird aber nach wie vor in keinem Punkt eingehalten. Es sterben noch immer Menschen, erst kürzlich wurde ein OSZE-Mitarbeiter im Separatistengebiet getötet – vermutlich durch eine Anti-Panzer-Mine.

Warum dann nicht das Ganze aufgeben? Weil es nicht nur um die Ukraine geht. Wenn sich in den letzten Jahren etwas gezeigt hat, dann dieses: Putin ist ein skrupelloser Machtpolitiker, aber er ist kein Hasardeur. Er kalkuliert die Risiken sehr genau, die er eingeht. Spürt er Unentschiedenheit, fühlt er Nachgiebigkeit, dann schafft er Fakten. Ist der Preis aber zu hoch, wägt er ab, zieht auch mal zurück. Es wäre darum eine verheerende Botschaft, würden die Sanktionen aufgehoben, ohne die vertraglich festgelegten Gegenleistungen dafür zu bekommen.

Als Merkel zuletzt in Russland war, 2015, jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Merkel war damals umsichtig genug, Respekt zu bekunden – dass Hitler besiegt wurde, war schließlich auch der Sowjetunion zu verdanken. Und doch hat sie sich damals zu Recht Putins Militärparade entzogen, weil mit russischen Panzern Krieg geführt wird in der Ostukraine.

In Sotschi räumte Merkel nun offen ein, dass man sich in den Gesprächen zwischen schwierigen Partnern wieder und wieder das Gleiche erzähle. Doch wo geredet wird, wird weniger geschossen, also lächelte Merkel freundlich und zählte abermals auf, was nicht hinnehmbar ist.

Die Methode Merkel genießt in Deutschland einen zweifelhaften Ruf: zu lähmend, zu dröge. Sie verabreiche politische Tranquilizer, warf ihr der Philosoph Jürgen Habermas einmal vor, und vielleicht hat er ja recht, was die Innenpolitik betrifft. Für die Außenpolitik aber wünscht man sich genau das: beherrschtes Ego, gute Nerven, klare Prinzipien.

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