Für die Künstler lag das Glück einst auf der Straße, das Glück eines alten Autoreifens, einer durchgewetzten Matratze und sonst welcher Dinge, die andere für Müll hielten, sie aber stolz heimtrugen in ihre Ateliers, um daraus Kunst zu machen. Mit dieser Art von Resteverwertung wurden Robert Rauschenberg und viele andere Heroen der Nachkriegszeit weltberühmt. Wie Claes Oldenburg suchten sie nach einer Kunst, die "trieft, die schwer ist und stumpf und plump und süß und blöd wie das Leben selbst". Damals war das ein Skandal, heute werden die Werke von Museen gehütet. Und sind mittlerweile auch auf Möbelmessen zu bewundern.

Nein, nicht die Kunst wird dort gehandelt, dafür aber das Weltverständnis, dem sie sich verdankt. Das Stumpfe und Plumpe, das Süße und Blöde lässt sich heute als Küchentisch, Kommode oder Geschirrschrank erwerben, lauter Möbelstücke, die schwer nach Sperrmüll aussehen, doch zu Liebhaberpreisen vertrieben werden. Wenn der Lack verwittert ist, die Beschläge rostig, die Oberflächen schön verkratzt sind, dann denkt kaum jemand an die gute alte Künstler-Boheme, die einst auszog, im Trash nach lebenspraller Wahrheit zu suchen. Nur manche Einrichtungsexperten sprechen vom Bohemian Style. Die meisten sagen Shabby Chic, um die erstaunliche Freude am Abgeranzten auf den Begriff zu bringen.

Eine Zeit lang dachte man ja, die schöne neue Schäbigkeit werde von der nächsten Modewelle hinfortgespült werden. Doch der Handel ist schwunghaft, vor allem im Netz, und wer meint, es sei wohl das studentische Volk, das sich für den neorustikalen Look begeistere, wird rasch eines Besseren belehrt. Es sind vor allem Begüterte, die ihr Dasein auf eine andere, irgendwie künstlerische Weise möblieren wollen. Insbesondere der verträumte Teil der sogenannten kreativen Klasse, Leute, die zu Geld gekommen sind, das aber nur ungern zeigen, erfreuen sich am Shabby Chic, weil hier das Vorläufige und Wandelbare eine bleibende Form bekommt. Außerdem gilt das Camp-Prinzip von Susan Sontag: Nicht der besonders gute, dafür aber der besonders schlechte Geschmack wird zum Zeichen echter Souveränität.

Um diesen Geschmack zu pflegen, geht man selbstverständlich nicht in große Möbelhäuser, sondern sucht sich die Requisiten für sein anders-echtes Leben in galerieartigen Werkstätten und Ateliers, die mittlerweile mit der Produktion kaum mehr nachkommen. Ob Retro-, Vintage- oder Used-Look, alles, was nicht neu wirkt, nicht glatt, nicht perfekt, findet großen Anklang. Nur eine Ausnahme gibt es: Antiquitäten.

Der Jugendstil-Sekretär? Das Biedermeier-Sofa? Der Esstisch aus dem Empire? Seit Jahren schon, eigentlich seitdem 2007 die ersten Smartphones auf den Markt kamen, erfahren die Antiquitätenhändler schwere Einbußen. Ihr Geschäft sind die schönen Dinge. Sie leben vom guten Geschmack. Sie handeln mit dem Sinn fürs Überlieferte. Und merken plötzlich, wie wenig das alles noch zählt.

Auch Teppiche, Silber, Porzellan sind kaum mehr gefragt, und so fallen die Preise tief hinab ins Lachhafte. Eine fein gearbeitete Barockkommode aus Nussbaum, 18. Jahrhundert, wurde gerade beim Auktionshaus Nagel für 1.000 Euro versteigert, eines von zahllosen Schnäppchen. Zeitgleich bietet der Internethändler Ply eine sogenannte Sideboard-Werkbank an, ebenfalls eine Art Kommode, nur eben grob gearbeitet und proletarisch verwittert, weil irgendein Handwerker darin seinen Kram verwahrte und es auf das Äußere nicht ankam. Der Anbieter schwärmt von der "tollen Patina" – und verlangt 2.082 Euro.

Warum ist das Billige jetzt so teuer? Warum das Kostbare kaum noch etwas wert? Was sagt es über die Träume einer Gesellschaft, dass sie das wirklich Alte links liegen lässt, dafür aber nach möglichst viel Patina verlangt, nach dem Anschein von Geschichtlichkeit?

Natürlich, der Geschmackswandel. Auch Bauerntruhen mussten in der Nachkriegszeit erst neu entdeckt werden, um als schön und wertvoll zu gelten. Ähnlich ergeht es jetzt dem Interieur der fünfziger und sechziger Jahre, das plötzlich wieder gesucht und gesammelt wird. Jede Zeit hat ihre Sehnsuchtsmöbel: So wie sich einst manche Bürger aristokratisch einrichteten, weil sie auf das Ansehen der verblichenen Klasse hofften, sind nun spielerisch leichte Formen der Nachkriegszeit gefragt, schließlich künden sie von einem längst verblichenen Optimismus.

Anders verhält es sich jedoch mit dem Shabby Chic und seinen vielen Vintage- und Retro-Varianten: Sie bedeuten nicht Geschmackswandel, sondern Geschmacksbruch. Was eine Antiquität bislang ausmachte, die Liebe zum Original, zur handwerklichen Raffinesse, zur exquisiten Form, kommt hier an sein Ende. Das Altertümelnde hat ja in Wahrheit keine Geschichte.