In der Fleischtheke liegt ein ganzes nacktes Lamm ausgestreckt zwischen Kalbsfilets und Putenkeulen. Neben den Hinterläufen des Lamms ragt ein Berg sattroter Rindfleischwürfel aus einer Stahlschüssel. Anna Femi hat ein Glänzen in die Augen. "Das Fleisch bleibt nach dem Braten so groß wie davor", sagt sie. Nirgends in Wien bekomme man so gutes Fleisch so günstig wie hier, beim türkischen Fleischer am Viktor-Adler-Markt. Dafür durchquert sie mit der U-Bahn die ganze Stadt und kehrt mit Fleisch und mehreren Kilo Gemüse vom Bauernmarkt zurück. Einmal im Monat macht sie das. Um öfter zu kommen, fehlt ihr die Zeit. Das Geld ohnehin.

Täglich 26 Euro für vier Personen. So viel bleibt der 55-Jährigen, wenn man von ihrem Haushaltsbudget die Kosten für Wohnen und Energie abzieht. 26 Euro für sich und jene drei ihrer vier Kinder, die bei ihr wohnen, für U-Bahn-Tickets, Handyrechnungen, Reparaturen, Bücher, Einkäufe. Femi ist eine von vielen. Wer mehrere Kinder zu versorgen hat, zählt zur Hauptrisikogruppe. Während die Politik die Flüchtlinge im Visier hat, wenn sie an Sozialhilfekürzungen denkt, trifft es alle; ganz besonders aber alleinerziehende Frauen. Unter ihnen ist der Anteil der Working Poor, also jener, die von ihrem Einkommen nicht leben können, besonders hoch. Acht Prozent aller erwerbstätigen Frauen gehören zu dieser Gruppe – bei den Alleinerziehenden sind es 19 Prozent. Auch Anna Femi könnte mit ihrem Teilzeitgehalt als Museumsrestauratorin und der Familienbeihilfe nicht leben, ihr Lohn wird durch eine Mindestsicherungszahlung aufgestockt.

Wenn sie irgendwo sparen könne, dann am ehesten beim Essen, sagt Femi. Sie sieht dem Fleischhauer zu, der die Rinderstücke durch den Fleischwolf dreht. Unten drängt in dicken Strähnen rotes Rinderhack auf weißes Schichtpapier. Für ein Kilo Faschiertes zahlt Anna Femi sechs Euro. Daraus bereitet sie Spaghettisauce zu, die sie portionsweise einfriert. Das reiche für einige Mahlzeiten. Eingefroren wird auch das Brot, das sie nur einmal die Woche kauft. Dafür stellt sie sich vorm Sozialmarkt an, einem Laden, in dem man nur einkaufen darf, wenn man sich als armer Mensch ausweisen kann: ein Exklusivclub für Unterprivilegierte.

Dass Lebensmittel rationiert werden, kennen die meisten nur von Erzählungen aus der Planwirtschaft. Für die viertel Million akut armen Menschen in Österreich ist es Alltag. Wenn in den Großstädten die Mieten explodieren, bringt es diese Menschen besonders unter Druck. Wer am Ende des Monats nicht vor einem Teller nackter Nudeln sitzen will, muss strategisch planen.

Anna Femi war nicht immer arm. Der Knick kam, als die dreifache Mutter ihren zweiten Mann heiratete und noch einmal schwanger wurde. Der Mann hatte keine Aufenthaltsbewilligung, durfte nicht arbeiten. Schon bald nach der Geburt ernährte sie den Sechspersonenhaushalt allein, mit einer Teilzeitstelle. Das jahrelange Bangen vor einer Abschiebung, der zähe Kampf um ein Aufenthaltsrecht zehrte an den Nerven, vor allem aber am Ersparten. Ein fünfstelliger Betrag floss in das Verfahren. Nach viereinhalb Jahren kam endlich das ersehnte Visum. Da war die Beziehung schon zerrüttet.

Maria Meixner hat ein Pflaster um den rechten Daumen gewickelt. Die 65-Jährige hat sich beim Reiben eines steinharten Stücks Käse verletzt. "Der Käse hat echt schlimm ausgeschaut, die meisten Leute würden den wegwerfen", sagt sie und lacht, "die wissen nicht, was sie versäumen." Meixner lebt von der Mindestpension. Armut kannte sie schon als Kind. Auf den Brachflächen Wiens ging sie Brennnessel und Sauerampfer pflücken, als Spinatersatz. Vom Obsthändler bekam sie alte Holzkisten zum Heizen, der Greißler ließ anschreiben. "Früher war es leichter, in der Stadt arm zu sein", erzählt Meixner. Seit den siebziger Jahren hat sich die Miete ihrer Wohnung verdreifacht. Fürs Essen bleiben ihr heute 100 Euro im Monat. Trotzdem: "Hunger habe ich nie." Das sei alles eine Frage der Planung.

Würde man Meixners Ernährungspyramide zeichnen, dann hätte sie ein großes Fundament mit kleinem Überbau. Die Basis sind Kohlenhydrate. Die seien billig und machten satt. Darüber geringe Mengen an Fett. Gespart wird ganz oben, beim Teuersten: bei Käse, Fleisch, Gemüse. Im vergangenen Winter war Frischgemüse besonders teuer, also gab es nur Erbsen aus Dosen.

Die Wienerin singt ein Loblied auf die Kartoffel. "Ein wahres Wundernahrungsmittel" sei die Knollenfrucht, sie liefere nicht nur Kohlenhydrate, sondern auch Vitamine, im Gegensatz zum Brot, von dem sie sich nur die allerbilligste Variante leisten könne, die "nur aus Mehl besteht". Kartoffeln gibt es im Fünf-Kilo-Sack um 2,50 Euro, und sie kommen bei Meixner fast jeden Tag auf den Tisch: Gekocht, mit oder ohne Butter, als Bratkartoffeln oder Püree, zu Nudelteig verarbeitet oder roh gerieben und in Fett gebraten, das schmecke hervorragend mit Schnittlauch. "Wobei das mit dem Schnittlauch so eine Sache ist. Den leistet man sich nur ab und zu."