Der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für Berlin, Alexander Kaczmarek, hat ein schönes Bild dafür, was Wittenberg an diesem Kirchentag 2017 bevorsteht. Er vergleicht das Verkehrsprojekt, das sein Unternehmen hier organisiert, mit der Evakuierung einer Großstadt. "Es geht um die umfangreichste Verkehrsleistung der Bahn seit dem Mauerfall", sagt er. Und das ist nicht übertrieben.

Der Hauptbahnhof von Wittenberg ist für etwa 5.000 Passagiere ausgelegt – am Tag. Wenn die Lutherstadt am 28. Mai aber für einen Tag zur Weltstadt anwächst, sollen allein mit dem Zug 100.000 Menschen an- und wieder abreisen. Weitere 100.000 kommen mit Auto, Bus, Rad. Eine Kleinstadt in Sachsen-Anhalt wird zur Großstadt anschwellen. Wie soll das bloß klappen?

Das Konzept, das die Bahn erarbeitet hat, hat es in sich. Es wird einen eigenen Zugshuttle geben, vom Berliner Südkreuz zum Wittenberger Hauptbahnhof. Am Vormittag sollen alle zehn Minuten 950 Menschen in doppelstöckigen Regionalexpresszügen in Wittenberg eintreffen. Die Züge werden vorher, inklusive Personal, aus der ganzen Republik nach Berlin gebracht. Alle anderen Züge auf der Strecke Wittenberg–Berlin fallen aus oder werden umgeleitet.

So ein Aufwand für einen Kirchentag? Das gab es vermutlich noch nie. Dass es diesen Aufwand braucht, liegt am besonderen Konzept zum 500. Jubiläum der Reformation. Der Evangelische Kirchentag findet zweijährlich statt, immer woanders in Deutschland. Die Organisatoren sind deshalb Vollprofis; Menschenmassen und Massenverpflegung sind ihre Routine. Alle zwei Jahre ziehen sie in eine fremde Stadt, bauen Zeltstädte auf, binden Messegelände und Nahverkehr ein, hinterlassen rekordverdächtig wenig Müll und durchweg zufriedene Bürgermeister. Aber was sie diesmal erwartet, ist auch für sie völlig neu: Dieser Jubiläums-Kirchentag soll schließlich nicht an einem einzigen Ort stattfinden. Sondern in elf Städten und fünf Bundesländern gleichzeitig. In Dessau-Roßlau, Erfurt, Halle, Eisleben, Jena, Weimar, Leipzig, Magdeburg, Potsdam, Berlin – und erst am Ende sollen sich alle Teilnehmer in Wittenberg treffen, zum großen Abschlussgottesdienst. Dort, wo einst alles angefangen hat; wo vor 500 Jahren die Reformation begann. Eben in der Lutherstadt.

Deshalb also müssen nun Hunderttausende gleichzeitig nach Wittenberg und aus Wittenberg zurück. Deshalb ist auch sonst vieles anders: In Wittenberg wird nicht auf einem erprobten Festgelände gefeiert, wie etwa vor zwei Jahren in Stuttgart auf dem Cannstatter Wasen. Sondern auf einer Wiese an der Elbe, ohne U- oder S-Bahnhof, Bushaltestellen, Parkplätze, fließend Wasser, Toiletten, Strom. Seit Wochen schon wird Schotter über die Elbbrücke gekarrt, werden Platten verlegt und Zäune aufgebaut. Ein Sanitätszentrum wird entstehen, in dem im Notfall sogar operiert werden kann. Die Bundeswehr und das Technische Hilfswerk werden eine zweite Brücke über die Elbe errichten. 3.000 Polizisten sind eingeplant, zusätzlich 3.000 freiwillige Helfer, 400 Soldaten, 300 Feuerwehrkräfte. Der Kirchentag 2017 ist ein einziger Superlativ. Trassenkapazitäten müssen geprüft, Züge und Personal gezählt, Busparkplätze vermessen, Wege abgegangen, Machbarkeitsstudien und Sicherheitskonzepte erstellt werden.

Constantin Knall, 36, arbeitet seit 2005 für den Kirchentag, seit 2012 ist er Geschäftsführer. Und man kann ihn ja fragen, wieso er es sich nicht einfacher gemacht hat: Niemand hätte sich beschwert, hätte der Abschlussgottesdienst in Berlin stattgefunden – auf dem stillgelegten Tempelhofer Flugfeld, am Brandenburger Tor oder im Olympiastadion. Warum der ganze Stress, 200.000 Menschen nach Wittenberg zu bugsieren? Ganz verbergen kann Knall da nicht, dass er sich diese Frage auch schon gestellt hat. Doch er antwortet: "Dieser Ort wird etwas mit uns machen." Ob da jetzt Thesen genagelt worden seien oder nicht: 500 Jahre Reformation müsse man feiern. Soll heißen: 500 Jahre rechtfertigen diesen Aufwand.

Dabei bedeutet schon die Frage, wie man die Sicherheit Hunderttausender in einer Kleinstadt gewährleistet, immensen Aufwand. Das Loveparade-Unglück und auch der Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz hätten ganz neue Anforderungen geschaffen. "Wir können nicht einfach weitermachen wie vorher", sagt Knall. Zum einen, weil man der Stimmung gerecht werden müsse – die Gedächtniskirche am Breitscheidplatz wird einer der zentralen Orte des Kirchentages in Berlin sein. Sondern auch, weil es inzwischen ganz neue Anforderungen an ein Sicherheitskonzept gebe. "Wir bereiten alles gewissenhaft, wachsam und sorgfältig vor", sagt Knall.

Auch früher habe man sich Gedanken über die Sicherheit gemacht. Das Wort "Sicherheitskonzept" jedoch sei etwas Neues. Bei vielen Maßnahmen gehe es ums subjektive Sicherheitsempfinden, um Gefühle. Anders als andere Großveranstaltungen aber tariert der Kirchentag mit jeder Taschenkontrolle die Balance zwischen Sicherheit und Offenheit neu aus: Denn dieses Fest feiert doch eigentlich – die Freiheit.

Das ist der Zwiespalt, in dem Knall sich bewegt. Inzwischen hat das Innenministerium des Landes Sachsen-Anhalt das Konzept des Kirchentags zwar genehmigt – im Dezember aber hatte, so heißt es von den Behörden, noch größerer Nachholbedarf bestanden. Laut Ministerium hatten die Organisatoren ein "stark überarbeitungsbedürftiges" Sicherheitskonzept vorgelegt. Nun werde es "durch alle fachlich beteiligten Behörden (einschließlich Polizei) aktuell nochmals in einzelnen Detailfragen abschließend geprüft". Auch Erfahrungen aus der Loveparade-Katastrophe von 2010 sind ins überarbeitete Konzept eingeflossen: Wenn die Besucher des Kirchentags die drei Kilometer vom Wittenberger Bahnhof bis zum Festgelände zu Fuß zurücklegen, müssten sie eigentlich durch eine kleine Fußgängerunterführung. Die wird nun gesperrt. Die Fußgänger werden über eine abgeriegelte Straße umgeleitet.

Constantin Knall ist sich sicher: Alles ist getan, die Massen können kommen. Bleibt nur noch die Frage, ob sie auch kommen wollen. Denn die Anmeldezahlen für den Kirchentag der Superlative bleiben bisher hinter den Erwartungen zurück. Fragt man Knall, ob wirklich 200.000 Leute nach Wittenberg reisen werden, sagt er: "Darauf kommt es nicht an." Er erwarte eine ordentliche sechsstellige Zahl.

Womöglich wird der Bahnhof Wittenberg den Massen am Ende also auch deshalb standhalten, weil sie ausbleiben. Wie viele Tickets für den Zugshuttle bisher verkauft wurden, will der Kirchentag nicht verraten. Mehr als erwartet kämen mit Reisebussen nach Berlin, ließen sich damit nach Wittenberg fahren, um von dort direkt nach Hause zu kommen. Sonderzüge aus der ganzen Republik, wie bei anderen Kirchentagen, wird es in diesem Jahr nicht geben: Es sind einfach keine Züge mehr übrig. Sie werden ja alle für den Shuttle-Transfer zwischen Berlin und Wittenberg gebraucht.