Es war spät, ich war allein und schaute einen Krimi, als das Festnetztelefon klingelte. Die Nummer auf dem Display schloss jedes Zögern aus: 030110, die Notrufzentrale rief mich an. Genau genommen waren es drei Ziffern zu viel, aber die männliche Stimme in der Leitung ließ mir keine Zeit, das zu registrieren. "Hier ist die Polizei", sagte sie, "ich erkläre es Ihnen gleich, sind Ihre Türen verschlossen? Gibt es gekippte Fenster? Ich möchte Sie bitten nachzusehen." Mit angehaltenem Atem patrouillierte ich die Wohnung. Folgendes, erklärte mir der Polizist: Bei einer Routinekontrolle habe man zwei Rumänen festgenommen, zwei seien noch flüchtig. Auf dem Rücksitz ihres Wagens seien den Beamten verdächtig viele Kontoauszüge, auch von mir, aufgefallen. Eine Adressenliste lag dabei, darauf mein Name, mit vielen Notizen versehen, die er gern mit mir abgleichen wolle. Ob das alles richtig sei? Die beiden Verdächtigen befänden sich derzeit im Verhörraum. Ich dürfe glauben, dass sein Vorgesetzter, Matthias Baumann, ihnen Druck machen werde: "Der will sich später sicher auch noch mit Ihnen unterhalten."

Der Übergang aus dem Fernsehkrimi war gleitend. Mein Gesprächspartner baute das akute Szenario Stück für Stück vor mir auf. Ein Streifenwagen, der in der Nähe meiner Straße patrouilliere, die Brecheisen im Kofferraum des gefilzten Fahrzeugs, Zivilfahnder, die das fragliche Gefährt schon eine Weile im Auge gehabt hatten und denen wir das Wissen verdankten, dass zunächst vier Rumänen im Auto gesessen hatten. "Man muss Sie schon länger beobachtet haben", sagte der Beamte, "ist Ihnen etwas aufgefallen?" Mir fiel ein Drängler ein, der mich nachmittags am Geldautomaten geärgert hatte. "Wissen Sie die ungefähre Uhrzeit, wir sehen uns das Überwachungsvideo an." So ging es noch eine Weile weiter, dann kam der Kommissar aus dem Verhörraum. Er klang genauso sympathisch wie sein Untergebener, nur noch aufgeräumter. Der jüngere Verdächtige werde auspacken, versicherte er. "Er hat große Angst vor dem Gefängnis." Dann kam auch der Kommissar auf meine Kontoauszüge. "Sagen Sie doch mal, was haben Sie denn so ungefähr auf dem Konto?"

Ich mache es kurz, ich nannte ihm alle Bankverbindungen mit den dort gebunkerten Summen. Und weil der redselige Kommissar die Möglichkeit einer zweiten Streife zu meiner Bewachung ins Spiel brachte, sagte ich ihm auch noch, was sich an Wertsachen in der Wohnung befand. War es das Stockholm-Syndrom? Ich kann es mir nur so erklären, dass ich meine Hüter nicht durch Misstrauen enttäuschen wollte. Ich war kooperativ. Wir hatten eine Dreiviertelstunde debattiert und ein Telefonat für den nächsten Morgen abgemacht. Ich schob einen Sessel vor die Tür und stellte mich auf eine lange Nachtwache ein, um die flüchtigen Rumänen subito zu melden, sobald sie ihr Brecheisen an die Wohnungstür legten. Gegen ein Uhr dreißig wagte ich zu denken, was noch ungeheuerlicher als die Rumänen war. Ich rief den Notruf an. "Das waren wir nicht", sagte der Diensthabende schon nach dem ersten Satz. "Der Notruf ist mir heilig", protestierte ich, "den können Sie doch nicht in falsche Hände geraten lassen!" Doch die technische Schlappe ließ er nicht auf sich sitzen: "Wir hier bei der Berliner Polizei", sagte er, "befinden uns in der Steinzeit. Weil man uns nur für ein notwendiges Übel hält." Ich sperrte die Nummer. Am nächsten Morgen rief 030112, der Rettungsdienst, an. Ich ließ ihn klingeln und werde daher nie erfahren, welche Begründung Kommissar Baumann für den Sicherheitsgewahrsam meiner transportablen Werte in petto hatte.

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