ab 4 Jahren

Ob das wirklich ein Buch für Kinder ist? Ein Buch der Erinnerung ... Erfahren Kinder Augenblicke dieser Art? Kennen Menschen wirklich schon dieses große "Weißt du noch?", wenn ihr Leben gerade erst begonnen hat?

Es sind zwei Alte, die sich hier Episoden aus ihrer Jugend erzählen. Die sich immer wieder, in allen möglichen Alltagssituationen, an einen sehr besonderen Ausflug in ihren frühen Jahren erinnern, der ihnen ganz offenbar zum privaten Mythos geworden ist. Zur Lebens-Geschichte.

Wir sehen das grau gewordene Paar, eine Frau und einen Mann, klein und traut abgebildet auf jeder linken Seite des Buches, unter dem Text. Auf der rechten dann, zumeist sehr groß und sehr bunt, die Erinnerungsfantasie. Denn je ferner der Tag gerückt ist, desto farbenreicher und kühner die Vorstellung von dem, was damals geschah.

Weißt du noch – wie wir die kartenspielenden Ziegen trafen! Die tanzenden Hunde, sprechenden Füchse und lachenden Raben! Den Maulwurf, der uns von seinen Tautropfen abgab! Die fliegenden Kühe! So erinnern sie sich an gemeinsame Abenteuer und erfinden zugleich ihr Leben neu.

Was wirklich an jenem Tag geschah – wer weiß es noch so genau. Wer will es so genau wissen?! Jener Tag war ein Tag voller Liebe, Trauer und Poesie, ein verzauberter Tag. Wir sehen die Wiese unter Blumen verschüttet, sehen einen sterbenden Fuchs. Einen Zwerg mit einer lustigen Mütze. Den Mond schließlich, groß und geheimnisvoll leer: "Weißt du noch, wie dann der Mond herauskam und die Dämmerung anbrach? Da haben wir uns ein wenig gegruselt, denn alles knisterte und knackte um uns herum, und die Glühwürmchen schwebten durch die Luft und waren wie die Augen von Geistern, die nicht schlafen konnten."

Wir erfahren von stillen kleinen Szenen, Alltagsmomenten, welche die beiden froh oder bang genießen. Und von ganz großen, die manchen Schrecken bergen: "Weißt du noch, als die Kühe auf uns zugerannt kamen und wir ihre Hufe auf den Boden donnern hörten? Da wurden ein paar Bäume entwurzelt, da wurde ein Bach umgeleitet, und selbst in Paris wackelte der Eiffelturm ..."

Ums Hören geht es, ums Riechen, Sehen, Fühlen, Schmecken. Es sind diese – ersten – Sinneseindrücke, die sich hier auf wunderlich fantastische Art vermischen und der Erinnerung Farbe, Duft und Geschmack geben.

Der Schriftsteller Zoran Drvenkar, der als kleines Kind mit seinen Eltern nach Deutschland kam, hat sich diese wild wuchernde Erzählung über die Poesie der Erinnerung ausgedacht. Die viel gerühmte Hamburger Grafikerin Jutta Bauer machte daraus ein Kunstwerk voll stillem Witz. Ihre Aquarelle, kraftvoll und leichthändig, lassen noch die unwahrscheinlichste Erinnerung wahrscheinlich werden. Alles ist hier ins Traumhafte verwandelt, ins Traumtänzerische, Schlafwandlerische. Oder, in den Worten des großen Erinnerungspoeten Oskar Pastior: "ein bissel historisch und ein bissel immun".

Eine schöne Formel. Denn historisch getreu dem Erlebten und zugleich immun gegen die Wirklichkeit: Das ist vielleicht das Wesen der Erinnerung selbst. Die Großen werden es in diesem Buch wiedererkennen. Und die Kleinen?

Sie können hier lernen, dass die Welt ist, was du fühlst und riechst und schmeckst und hörst und siehst und in dir einschließt. Und mit dir nimmst bis zum letzten Tag deines Lebens: als den Stoff, aus dem die Erinnerungen sind.

Zoran Drvenkar/Jutta Bauer (Ill.): Weißt du noch. Hanser Verlag 2017; 32 S., 14,– €