Jetzt mal ehrlich: Ich habe sie satt, die als "Krimi" verpackten Gesellschafts-, Familien-, Beziehungs- und Erziehungsromane. In denen immer derselbe Mord-Ermittlung-Überführungs-Plot als Lastesel für die Empörung über allerhand Ungerechtigkeiten und soziale Aufreger dient, in denen Mord zur mitgelieferten Nebensache degradiert ist.

In diesen lauen Mainstream hat die junge Australierin Candice Fox jetzt eine Trilogie gepfeffert, deren Titelfolge Hades, Eden, Fall bereits klarmacht: Hier geht es ums Ganze. Und das ist in der Kriminalliteratur der Mord. Während minderbemittelte Krimiautoren immer noch die Tatsache zu begreifen versuchen, dass jeder Mensch das Zeug zum Mörder hat, schreitet Candice kühn in die Dystopie: Bei ihr kann jeder zum Serienmörder werden.

Vorausgesetzt, er ist ausreichend traumatisiert, wie es die Geschwister Marcus und Morgan Tanner sind. Ihre Eltern wurden massakriert, die fünf und sechs Jahre alten Kinder erschlagen und Hades, dem Herrn der Utulla-Müllkippe bei Sydney, übereignet, damit er sie wie Hunderte anderer Leichen verbuddle. Doch die Kinder waren noch nicht ganz tot. Hades zog sie auf, und unter den neuen Namen Eric und Eden Archer wurden sie die effizientesten Bullen von Sydney. Mord wurde ihr Leben. Im doppelten Sinn: Tagsüber riskierten sie ihr Leben im Kampf mit Gewalttätern, nachts kehrten sie ihr Inneres nach außen und ermordeten alle, die dem Gesetz entwischt waren. Die tödlichsten Serienmörder von New South Wales waren genau diese beiden Polizisten. Wer an ihr Geheimnis rührte, wurde umgebracht. Nur einer nicht: Edens Partner Frank Bennett, ein eher tumber Polizist, der Ich-Erzähler. Frank repräsentiert das Normalo-Gewissen. Einerseits profitiert er von Edens Killerkompetenz, andererseits möchte er sie von ihrem Mordtrieb heilen.

Die Figur Bennett gibt Fox’ Erzählunterfangen die nötige Ambivalenz. Mit der Fürsorge eines älteren Bruders (Eden hat ihren leiblichen bereits im ersten Band erschossen) beobachtet, überwacht, bewundert er ihre dunklen Aktivitäten, in ständiger Angstlust vor dem Ausbruch ihrer Triebnatur. Er sieht Eden nicht als Monster. Erst im "menschlichen" Blick einer Person kann Eden ihre Monstrosität als unverwechselbares Individuum leben. Eden ist nicht unmenschlich: Sie "tötete, wie sie atmete, wie sie schlief". In Fall haben die beiden Ermittler es nun außer mit sich mit einer weiteren Serienmörderin zu tun: einem Opfer des Schönheitswahns. Indem sie mordet, kann sie in einer grotesken Welt lebendig sein. Candice Fox täuscht durch Oberfläche: Ihre von Buch zu Buch überraschender und spannender gepinselte Comicwelt sucht radikal nach jenem Rest von Mensch, der unter den Müllbergen verbuddelt ist. 

Candice Fox: Fall
A. d. Engl. v. Anke Caroline Burger; hrsg. v. Thomas Wörtche; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 470 S., 15,95 €