Der Gastro-Boulevard arbeitete sich gerade an Til Schweiger und seinem Wasser ab, als das Bistro Carmagnole eine merkwürdige Personalie bekannt gab: Man werde bald einen Ableger am Schulterblatt eröffnen, mit den prominenten Teilhabern Heinz Strunk und Karl-Heinz Dellwo. Vielleicht mokierte sich darum niemand über Dellwos RAF-Vergangenheit; ein Blatt gratulierte sogar gönnerhaft zur "gelungenen Resozialisierung".

Und vielleicht ist das auch richtig so. Sollte ein früherer Terrorist nach zwanzig Jahren Haft und ebenso vielen Jahren als unbescholtener Bürger nicht tun dürfen, was ihm gefällt? Aber natürlich horcht man auf, wenn das Lokal den politischen Namen Cantina Popular, Volksküche, trägt. Und die überwiegend peruanischen Gerichte auf der Karte erinnern daran, warum man aus diesem Land über Jahrzehnte nichts Gutes gehört hat: weil linker Terror die Straßen beherrschte.

Tritt man über die Schwelle, vergisst man all das. Die Cantina kokettiert weder mit den Namen ihrer Besitzer noch mit dem Schanzen-Umfeld. Sie ist einfach eins jener Latino-Lokale, die gerade modern, in Hamburg aber noch selten sind. Zurückgenommener Ökoschick, sanfte Flötentöne, nettes Personal. Am aufsässigsten ist noch die Weigerung, Imperialisten-Cola auszuschenken. Dafür wird eifrig gepresst und gemixt, was den Gast schon beim Aperitif vor interessante Fragen stellt: Ist Mangosaft nicht zu üppig für Limonaden?

Auch die Speisen zeigen Bemühen um Eigenständigkeit. Das hausgebackene Maisbrot ist von gewöhnungsbedürftiger, aber authentischer Süße. Man bemerkt ungewöhnliche Chili- und Kartoffelsorten, laut Auskunft vom eigenen Acker. Was fehlt, ist die "unendliche, nie für möglich gehaltene Vielfalt", die Heinz Strunk im selbstironischen Werbetext verspricht. Variiert werden ein paar Klassiker des südamerikanischen Street Food. Mehr geht wohl auch nicht in der kleinen Küche hinter dem Tresen.

Referenzgericht ist die Ceviche, an der sich neuerdings jeder versucht, der als Koch hip sein will. Der peruanische Sous-Chef bringt die Basisvariante erstklassig auf den Tisch: Würfel vom Wolfsbarsch mit einer Dosis Aji-Chili, die mehr kitzelt als brennt. Wer auf "Geschmacksexplosionen" (Strunk) aus ist, hält sich am besten an die Anticuchos, höllenscharf eingelegte Grillspieße mit Streifen vom Rinderherzen. Gelungen auch das Tiradito, die mildere japanisierte Form der Ceviche.

Schwerer tut man sich mit anderen Fusion-Gerichten. Die Paprikasoße unter dem übergarten Pulpo-Arm schmeckt nach serbischer Ajvar. Die Meeresfrüchte-Ceviche erinnert an Muscheln nach rheinischer Art. Sollte das ein Zugeständnis ans Schanzen-Publikum sein, wird es nicht goutiert. Die jungen Männer am Nebentisch maulen über Preise und kleine Portionen. Populär ist die Cantina, volksnah ist sie nicht.

Cantina Popular, Schulterblatt 16, Schanzenviertel. Tel. 65 06 52 55, www.cantina-popular.com. Geöffnet montags bis donnerstags von 18 bis 22 Uhr, freitags und samstags bis 22.30 Uhr. Keine Reservierungen. Kleine Gerichte um 10 Euro