Der sozialdemokratische Kanzler sei in Wahrheit ein Kryptokommunist, der Hammer und Sichel im Wappen führe. Deshalb stehe nun der rot-grüne Wohlstandsklau vor der Machtübernahme. Mit einer beinahe klassenkämpferischen Broschüre scheuchte die Volkspartei am Tag nach den roten Maiaufmärschen das Neuwahlgespenst wieder einmal auf. Vorerst reagierten die Sozialdemokraten aber erstaunlich gelassen auf die provokante Streitschrift des Koalitionspartners. An vorverlegte Neuwahlen, möglicherweise schon in wenigen Monaten, das soll die rote Kontenance signalisieren, sei nicht zu denken.

Ganz offensichtlich genießen es die Scharfmacher in der Volkspartei, den Langmut ihres Regierungspartners herauszufordern. Die Genossen sind derzeit gezwungen, eine ganze Menge einzustecken. Sie können sich gegenwärtig auf das Wagnis Neuwahl schlicht nicht einlassen. Zu zerrissen ist die Partei, und vor allem in Wien, der wichtigsten Bastion, herrscht offener Aufruhr.

Selbst eine geschickte Regie konnte beim Aufmarsch zum 1. Mai vor dem Wiener Rathaus den Eindruck nicht aus der Welt schaffen, dass die SPÖ in eine tiefe Krise geschlittert ist. Die jährliche rote Heerschau ist das wichtigste Ritual der Partei, an ihr lässt sich der Zustand der Sozialdemokratie ablesen. Vor einem Jahr hatte hier eine regelrechte Rebellion den ungeliebten Kanzler und Vorsitzenden Werner Faymann aus dem Amt gepfiffen. Seinem zunächst enthusiastisch begrüßten Nachfolger Christian Kern erwartete nun aber nicht die vielleicht erhoffte Huldigungskundgebung, sondern eine heikle Bewährungsprobe.

Der eloquente Redner stand vor der Aufgabe, seine Genossen zur Besinnung zu rufen. Mehrmals appellierte er mit eindringlichen Worten, die eigenen Reihen geschlossen zu halten, beschwor die Einheit der Partei, die allein zu sozialdemokratischen Erfolgen führen könne. Zwar war ihm damit der Applaus der Menge gewiss, und die wenigen, zaghaften Misstöne erstickten in der allgemeinen Zustimmung, gleichzeitig war nichts mehr von der Aufbruchstimmung und Zuversicht zu spüren, die Kern noch vor Kurzem auszulösen vermochte. Ein wenig erinnerte die Maitags-Rede des Vorsitzenden an eine Kabinenpredigt, bei der ein Trainer in einem schwierigen und unübersichtlichen Spiel bei seiner Mannschaft Reserven zu mobilisieren versucht, von denen er gar nicht weiß, ob sie noch in den müden Knochen stecken.

Damit muss Kern einen gewaltigen Rückschlag in seiner Strategie einstecken. Noch zu Jahresbeginn war er in die Offensive gegangen, hatte das Gesetz des Handelns an sich gerissen. Die geschickt inszenierte Präsentation seines Plans A hatte sowohl den Koalitionspartner als auch die Opposition auf dem falschen Fuß erwischt. Der Kanzler und seine Berater forcierten Sozialthemen, in den Meinungsumfragen konnte die SPÖ einen großen Teil des verlorenen Terrains gutmachen. Der Regierungschef zwang die Volkspartei, einem aktualisierten Arbeitsprogramm für die verbleibende Legislaturperiode zuzustimmen. Zu diesem Zeitpunkt besaß die Neuwahldrohung, die damals im Raum stand, durchaus Gewicht. Aber Kern hatte rasch den richtigen Zeitpunkt verpasst, eine Entscheidung an der Urne zu suchen.

Langsam aber drehte sich das Blatt. Die koalitionsinternen Rempeleien häuften sich, beide Regierungsparteien misstrauten einander in aller Öffentlichkeit, die moderaten Neuerungen, die man angedacht hatte, verhedderten sich im Gestrüpp der unterschiedlichen Begehrlichkeiten. Zwar konnte sich Kern einen Gutteil seines Macherimages bewahren, doch einen richtigen Erfolg hat er noch nicht vorzuweisen.