Der gebutterte Mönch sagt: Das beste Gebet ist Geduld.

Wir saßen in einer dunklen Bar unter einem dunklen Himmel und sahen in den Monsun. Seit Tagen saßen wir schon so, und noch Tage würden wir so sitzen. Das war 2010 in Manipal, in einem Ort in Karnataka, in Südindien. Ich war dort, um zu studieren, aber das hatte ich schnell vergessen. Wie ein ewiger Vorhang fiel der Regen. Er wurde stärker, nie schwächer.

Der gebutterte Mönch sagt: Was wird, vergeht.

Als es losging, waren wir noch aufgeregt gewesen. Hatten uns auf die Schultern geklopft, im Nass getanzt und gefeiert. Aber in Manipal ist der Monsun heftiger als anderswo auf der Welt. Bald saßen wir nur noch schwitzend und schweigend und lauschten dem gebutterten Mönch. Die Bar lag im Parterre des einzigen Hotels, ein paar Sitzecken nach American-Diner-Art aus rotem Kunstleder, eine Jukebox, ein bauchiger Wirt im Feinripp, und die Scheiben zur Außenwelt getönt. Als mir der Drink zum ersten Mal hingemixt wurde, reagierte ich angewidert: Rum mit Cola auf Eis, gut, aber wieso war dem außerdem noch ein Stück angebratene, schon schmelzende, dabei weiterhin einen Würfel formende Butter beigeschubst worden?

Der gebutterte Mönch sagt: Es gibt Vollkommenheit in allem Unzulänglichen, es gibt Erkenntnis in aller Ratlosigkeit.

Der Rum, der in diese Sauerei muss, heißt Old Monk, Indiens bester, gebrannt am Ganges. Er gibt dem Gebutterten seinen Namen. Der Rum schmeckt nach Vanille, die Butter schmeckt nach Butter. Sie rutscht auf dem Rum direkt in deine Schläuche, sie schmilzt dir noch am Gaumen. Es ist, als würde man eine Bratpfanne nach dem Braten auslecken und danach einen French Toast fressen.

Der fünfte oder zehnte oder fünfzehnte Tag in der Bar, und wir alle kippten diesen Drink. Ich hatte den Mönch verstehen gelernt. Er lädt in sein Kloster der Genügsamkeit ein, aber ohne Aussicht auf Erleuchtung. Er macht stoisch, und nur der Stoiker erträgt den Monsun. Der Regen knipste den Strom aus, der Mönch machte die Kerzen an. Es ist ein Drink für Apathiker, für Aussitzer, für Aushalter. Natürlich hätten wir uns über den Regen aufregen können, aber was hätte das gebracht? Der Mönch befreit einen von dem monströsen Mark-Twain-Anspruch, jedem Tag die Chance zu geben, der schönste des Lebens zu werden. Der Mönch gibt jedem Tag die Chance, ereignislos zu sein wie der vorherige Tag.

Er sagt: Wenn du ein Problem hast, versuch es zu lösen – kannst du es nicht lösen, dann mach kein Problem daraus.

Wir saßen da ohne jede Ambition. Zeit war bedeutungslos geworden, ein Tag war eine Woche, eine Woche war ein Monat. Man kann nicht resignieren, wenn man nichts erwartet. Als die Sonne durch die Wolken brach und der Regen endlich stoppte, schütteten wir den Restmönch, der im Glas dümpelte, weg. Der Gebutterte ist kein Schönwetterdrink.

Heute wohne ich wieder in Hamburg, wo es bekanntlich auch sehr viel regnet. Den Mönch trinke ich hier allein, den anderen ist die Butter widerlich. Und man kann ihn nicht trinken neben einem, der Wodka-Energy trinkt, weil am Ende will der Wodka-Energy-Mensch ganz bestimmt noch raus in die Nacht, mit Regenschirm, was erleben, was Spannendes oder, noch schlimmer, was Großartiges. Aber das Leben muss nicht immer großartig sein.

Der gebutterte Mönch sagt: Die Dinge erscheinen und lösen sich wieder auf. Lass deinen Geist still werden wie einen Teich.