Hoch lebe unser neuer Präsident! Jetzt reist er durch die Republik. Das Ziel sind "Orte der Demokratie". Er kommt, um seine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Parlamenten und sonstigen Vertretungen unseres Volkes zu segnen und dankbaren Wortes zu kräftigen. Das ist rührend schön! Auch an die Orte der Demokratiegeschichte will sich Frank-Walter Steinmeier begeben. Den Anfang machte eine Bootspartie in Bayern, auf dem Dampfer Stefanie zur Insel Herrenchiemsee, wo der erste Entwurf des Grundgesetzes entstand.

Herrenchiemsee, ja. Der Verfassungskonvent von 1948, ja. Aber muss es immer Herrenchiemsee sein? Das Hambacher Schloss und die Paulskirche? Es gibt doch der Stätten unserer Demokratiegeschichte so viele! Vor wenigen Jahren erst wurde eine Straße der Demokratie eingeweiht, ganz nach dem Vorbild der Deutschen Weinstraße, der Märchenstraße und der Lehm- und Backsteinstraße, die den deutschen Ziegel preist.

Die Demokratiestraße, ein etwas gewundener Weg, führt durch Deutschlands Südwesten von Lörrach, wo Gustav Struve 1848 die Deutsche Republik ausrief (leider vergeblich!), über Rastatt mit dem Freiheitsmuseum und Hambach bis nach Frankfurt am Main, in die Paulskirche, versteht sich. Doch an der Route finden sich auch weniger bekannte Winkel: Eichtersheim im Kraichgau zum Beispiel, der Geburtsort Friedrich Heckers. Oder der Friedhof im pfälzischen Landau, wo man eines anderen Revolutionärs von 48 gedenkt: des jungen Grafen Fugger-Glött, der in Landaus Festungsgraben hingerichtet wurde. Ein Fugger, aus Augsburg.

Freiheitsgeschichte überall. Überall sind solche Orte zu entdecken. An politischen Reiseführern mangelt es nicht. Sogar für Mecklen- und Brandenburg gibt es sie – wer weiß schon, dass der Baumeister des Schweriner Zuckerbäckerschlosses ein knallharter Jakobiner war? Natürlich, gegen die Paläste und Dome, gegen die Macht- und Prachtverklärung aus der Untertanenperspektive hat es der Demokratietourismus schwer. Aber wer etwas über die Anfänge des heutigen politischen Lebens erfahren will, über die Grundlagen unseres Staates, unserer Republik, nicht nur im Superwahljahr 2017, der ist hier richtig.

An den Rhein geht unsere Reise, an Main und Neckar. Luxushotels und bittere Burgverliese, Gartenpavillons und romantische Dichterklausen erwarten uns. An zauberhaften points de vue und heißen Selfie-Kulissen soll es dabei nicht fehlen.

Gleich in Heidelberg zum Beispiel, wo die Postkarten nur Schloss und Fass und Brücke zeigen, könnte Steinmeier einem seiner Vorgänger im Amte begegnen: Friedrich Ebert, dem ersten Präsidenten der Weimarer Republik. Eberts Geburtshaus, das Haus seiner frühen Jahre in der Pfaffengasse zum Neckar hin, ist ein fabelhaft gestaltetes Dokumentationszentrum zum politischen Arbeiterleben im Kaiserreich und zur Weimarer Republik. Ein idyllisches Haus: zur Gasse hin eine Sattlerwerkstatt, darüber die Wohnung. Ein schreckliches Haus: acht Menschen auf 45 Quadratmetern, die Eltern und sechs Kinder. Dazu im Wohnzimmer die Nähmaschinen, wo Eberts Vater mit anderen Schneidern schuftete.

Von unten auf heißt ein berühmtes Arbeitergedicht Ferdinand Freiligraths; hier ahnt man, was das hieß, 1871, als Ebert geboren wurde. Denn so lieblich die Häuschen im linden Frühlingsmorgen schimmern, damals war das hier ein Slum, feucht vom Flusse her, niedrig und dumpf. In den engen Stuben hängt ein Stickbild, ein Erstickbild: "Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet", darunter eins der beiden sixtinischen Engelchen von Raffael.

Mehr als ein paar Jahre Volksschule sind nicht drin (ergriffener Dankesbrief des Reichspräsidenten an seinen alten Lehrer). Der Sattlergeselle geht auf die Walz. In Bremen lässt er sich nieder, heiratet ein Arbeitermädchen. Längst politisiert, macht er in der SPD Karriere. 1. Mai, rote Nelken, die billigen, aus Krepp gefaltet. Jetzt sehen wir ein anderes Stickbild, mit Fotos von Bebel, Lassalle, Wilhelm Liebknecht: "Nicht betteln, nicht bitten, / nur mutig gestritten. / Nie kämpft es sich schlecht / für Freiheit und Recht." Der Bremer Bürgerschaftsabgeordnete. Ebert im Reichstag. 1918 dann, zwei Söhne fielen im Krieg, soll er den Deutschlandkarren aus dem Dreck, aus dem Schützengraben ziehen, in den ihn die konservativen Eliten gestürzt haben. Seine Majestät, der Kaiser, ist getürmt, hat sich davongestohlen wie ein Dieb in der Nacht.

Wir lernen einiges über die Chancen, die Ebert nicht hatte und dennoch nutzte. Über falsche Entscheidungen. Vieles bleibt umstritten. Doch standhaft sein Bekenntnis zur Republik. Mit 30.000 Menschen feiert er 1923 den 75. Jahrestag der Paulskirche, Fotos vom überfüllten Frankfurter Römerberg. Dann die unauslöschliche Schande: wie Deutschlands Rechte, die völkischen Banden Jagd auf ihn machen, ihn mit ihrer Hetze versehren. Erst 54 Jahre alt, stirbt er 1925, ein früh gealterter Mann. In Filmaufnahmen der gewaltige Trauerkondukt, durch Berlin, durch Heidelberg, wo er begraben wird, heimgekehrt.

Im Café Burkardt, dem alten Gasthaus gleich am Ebert-Haus, schmeckt der Himbeerkuchen gut, am Nebentisch geht es wie so gern in den besserverdienenden Kreisen gegen "die Merkel". Wir hätten Mama Merkel gern laut gelobt, für ihr ganz spezielles Sommermärchen 2015, doch schon müssen wir weiter auf die Bahn nach Heppenheim. Es ist die Linie von 1846, die Heidelberg mit Frankfurt verbindet.

Was ist aus der Eisenbahn geworden! Völlig verfallen die alten Bahnhöfchen, verkommen, verdreckt, wie fast alle kleineren Stationen zwischen Heidelberg und Koblenz, selbst am Schokoladen-Rhein, selbst in Rüdesheim, unfassbar für eine der großen Tourismusregionen Deutschlands. Wie schade, dass Steinmeier mit Fahrer und Flugbereitschaft reist. Hier, in den stinkenden Ruinen der Deutschen Börsenbahn, könnte er ganz direkt erfahren, was eine Demokratie bedeutet, die keinen Staat mehr machen, sondern nur noch Markt sein will.

Sind die rechten Privatisierer schuld? Die linken? Oder die liberalen? Ah, der Liberalismus! War er nicht mal eine schöne Idee? Wie der Kommunismus? 1847 in Heppenheim, da saßen sie noch zusammen, gemäßigte Liberale und ein paar radikale. Da planten sie gemeinsam die Verfassung, das neue Deutschland. Im Halben Mond.

Halber Mond? O Gott, gehört dem Muslim jetzt auch schon Heppenheim?