Warum tun sich die Deutschen so schwer mit der "Leitkultur"? Der Begriff, der vor 17 Jahren erstmalig durch die Gazetten geisterte, ist schon mal verdruckst. Die Anglos würden nie von einer "guiding culture" reden, die Franzosen nicht von einer "culture dirigeante". Sie reden von "Assimilierung" oder "Amerikanisierung", die einen nationalen Werte- und Verhaltenskodex beinhalten. Stellen wir uns bloß das Wörtchen "Germanisierung" vor.

Die Deutschen müssen sich schwertun. Die "deutsche Nation" war jahrhundertelang ein Kaleidoskop von König- und Fürstentümern. Das geeinte Deutschland (1871 ff.) führte zu einer Kette von eskalierenden Desastern – von Wilhelm über Weimar zu Adolf. Worauf sich berufen? Die Engländer hatten 1688 ihre "Glorious Revolution", Amerikaner und Franzosen zogen 1776 und 1789 nach. Doch der Herrenchiemsee-Konvent von 1948 gibt als Gründungsmythos nicht viel her. Das Grundgesetz war ein Provisorium, verfasst unter den geladenen Kanonen der Alliierten.

Nationalismus? Tabu. Nationales Sendungsbewusstsein wie Mission Civilisatrice und Manifest Destiny? Erst recht nicht – nicht nach dem mörderischen Imperialismus der Nazis. Die Brüder der Demokratisierung waren Zerknirschung und Reue, Entnationalisierung und Europäisierung. Bloß gibt Europa kein Vaterland her – und schon gar keine Weltmacht, von der hiesige Ersatznationalisten träumen. Geschwenkte Fahnen gehen nur im Fußballstadion.

Wer abermals die Leitkultur predigt, müsste in Wahrheit von der Nation reden, notabene nicht von deren Überhebung und Überheblichkeit, aber doch von einem Volk als besondere Werte- und Schicksalsgemeinschaft, der Zuneigung und Treue gebührt. Der beliebte "Verfassungspatriotismus" führt in die Irre. Der sagt den Bürgern nicht, warum sie Deutschland der Schweiz, Schweden oder irgendeiner anderen freiheitlichen Demokratie vorziehen sollen.

Die "Leitkultur" gerät zur schüchternen Anweisung an die Neuen, "deutsch" zu werden. Wie? Den Goethe im Schrank, die Linde über der Bank? Das war gestern. Pünktlichkeit, Ruhe im Treppenhaus, Mülltrennung? Diese Tugenden gelten auch anderswo im Westen. Toleranz, Bildung, Leistung, die der Innenminister einfordert? Auch nicht spezifisch deutsch. "Lernt Deutsch!" ist der erste unabdingbare Schritt. Sodann: Investiert in eure Kinder, damit die es besser können und haben – so wie unzählige Einwanderergenerationen vor euch. Das Land wird es euch danken, weil ihr so Erstarrung und Selbstzufriedenheit verhindert.

Bürokratie - "Papier wird hier als Gott angesehen" Leitkultur ist derzeit in aller Munde. Grund genug, noch einmal unsere Serie "Typisch Deutsch" zu zeigen, in der hier lebende Ausländer erzählen, wie sie uns sehen. © Foto: Claudia Bracholdt

Nur: Warum sollen die Neuen dieses Land auch lieben, wenn wir es aus den bekannten Gründen selber nicht so genau wissen? Dabei gäbe es viele gute Argumente, jedenfalls seit 1945. Noch fantastischer als das Wirtschafts- war das Polit-Wunder, das einen andauernden Gründungsmythos hergibt. Unter vielen anderen Nationen sticht die Zweite Republik als mustergültige liberale Demokratie hervor. Sie ist stabil und sozial, offen und durchlässig. Da dürfen die Alten wie die Neuen ruhig patriotische Gefühle, gar ein wenig Stolz zeigen. Die leidige Leitkultur setzt sich in einem Einwandererland ohne Minister-Ukas durch. Nicht "Wir schaffen das", sondern "Die schaffen das", so sie hierbleiben und reüssieren wollen. Und ihnen nicht eingeredet wird, das Ghetto sei besser als das Ganze.