Wenn Sie am Hauptbahnhof ankommen und Ihnen die Dortmunder Realität ins Gesicht klatscht (rechts bölkende Alkoholiker, links saufende Jugendliche und dazwischen ein sich drollig lachender Kegelclub kurz vor der großen Reise), dann müssen wir eine Sache klarstellen: In Dortmund kommen Sie am Fußball nicht vorbei. Die Dortmunder sind nämlich vor allem auf eine Sache stolz: den Ballspielverein Borussia Dortmund, kurz BVB. "Isso", würde Kevin Großkreutz sagen. Und sagen Sie jetzt nicht, dass Sie die BVB-Legende nicht kennen. Sie wollen es sich ja nicht direkt verscherzen. Generell gibt es hier ein paar Regeln: FC Schalke? Scheiße. FC Bayern? Scheiße.

Wenn Sie jetzt also schon mal da sind, schlagen Sie den Weg in Richtung Stadion ein – und machen Sie unterwegs ein paarmal Station. Den futuristischen Bau des Deutschen Fußballmuseums lassen Sie links liegen. Der Eintritt ist selbst Dortmundern zu teuer. Sie folgen dem Leuchten des Dortmunder U, das durch die Baumwipfel an der befahrenen Hauptstraße hindurchschimmert und Sie zur ehemaligen Union-Brauerei führt. Wo früher das Bier aus den Gärtanks floss, hängen heute Gemälde, was Dortmunder nicht unbedingt als Fortschritt empfinden. Bestaunen Sie wenigstens die Filminstallation des Dortmunder Regisseurs Adolf Winkelmann, die die Dachkrone mal mit Bier überschüttet, mal in ein Aquarium voller bunter Fische verwandelt. So etwas gefällt uns hier. Ihnen sicher auch.

Mit dem Aufzug geht es nach oben. Von der Aussichtsplattform erstreckt sich der Blick über den Norden. Nicht weit von hier liegt die verrufene Nordstadt, dahinter erinnern stillgelegte Fördertürme an die Zechen, grüne Halden an deren Abraum. Der Deusenberg war früher ein riesiger Müllberg, heute fahren hier Mountainbiker. Die erste Dortmunder Tatort- Leiche wurde auf diesem Boden gefunden. Strukturwandel ist das Zauberwort. Sie stehen ja selbst gerade auf einer gewandelten Brauerei.

Das erste Bier gibt es am Bergmann-Kiosk. Gleich am Wall. Früher Stadtmauer, heute mehrspurige Straße. Die Trinkhalle steht unter Denkmalschutz. Das geschwungene Vordach erinnert an die Architektur der Nachkriegszeit. Das Bier der kleinen Brauerei, die hier verkauft, gibt es schon seit 1796, da marschierte Napoleon in Italien ein. Im einem Liegestuhl vor der Trinkhalle können Sie entspannen, jedenfalls bis zum Abend. Dann holen Sie Halbstarke aus den Dörfern der Umgebung mit ihren aufheulenden Karren in die Realität zurück.

Spazieren Sie ein paar Schritte im Westpark. Früher Friedhof, heute Treffpunkt für Penner, Rastafaris, Studenten, Familien, Jogger, Salsatänzer und Boulespieler. Eigentlich alles, was Dortmund zu bieten hat. Durchs Kreuzviertel geht es weiter. Vorbei an Kneipen, Cafés, Läden mit Sachen für angesagte Großstädter. Die Bewohner erinnert ihr Viertel an ein schnuckeliges Dorf, die anderen Dortmunder ärgern sich, weil sie keinen Parkplatz finden.

Kurz vor dem Erreichen des Stadions können Sie noch die Westfalenhalle bestaunen, keine moderne Mehrzweck-Arena, sondern ein Traditionsbau aus den fünfziger Jahren. 1981 spielten hier Pink Floyd an sieben Abenden hintereinander. 2017 spielt Helene Fischer fünf Abende hintereinander.

Dann stehen Sie vor dem Stadion, das sich heute Signal Iduna Park schimpft. 81.360 Zuschauer können hier bei einem ausverkauften Fußballspiel auf das Feld herabschreien. Jetzt dürfte es ruhiger sein. Links liegt das viel kleinere ehemalige BVB-Stadion Rote Erde. Rechts der nagelneue Fanshop.

Die Fans singen: "Aber eins, aber eins, das bleibt bestehn, Borussia Dortmund wird nie untergehn." Kevin Großkreutz würde sagen: "Isso." Den kennen Sie mittlerweile. Außerdem haben Sie ein, zwei Bier getrunken. Die Dortmunder streiten dann am liebsten über Fußball. In der Kneipe nebenan kostet das Pils 2,90 Euro. Der Zug fährt auch später nach Hause.