Sein Büro liegt ganz oben in der Wahlkampfzentrale des französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron. Paris, Rue de l’Abbé Groult 99, ein altes Bürogebäude, vor der Tür stehen Kamerateams und schwer bewaffnete Polizisten. Drei Stockwerke hat Macrons Bewegung En Marche! hier angemietet. Jean Pisani-Ferry ist Macrons Chefberater und für wesentliche Teile seines Wahlprogramms verantwortlich. Bereits 2014, als Macron noch Wirtschaftsminister war, hatte Pisany-Ferry für ihn ein europapolitisches Grundsatzpapier verfasst. Darin forderte der Ökonom unter anderem die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in Frankreich sowie eine Lockerung der 35-Stunden-Woche.

DIE ZEIT: Herr Pisani-Ferry, was kann Emmanuel Macron jetzt noch tun, um jene Wähler zu gewinnen, die im ersten Wahlgang für seine Konkurrenten gestimmt haben?

Jean Pisani-Ferry: Emmanuel Macron hat von Anfang an gesagt, dass Frankreich in einer sehr schwierigen Lage ist und vor großen Herausforderungen steht. Er wird diese Botschaft jetzt nicht auf den letzten Metern abschwächen oder verändern. Jean-Luc Mélenchon – der Kandidat der Linken – wollte, dass Macron einen Rückzieher bei den geplanten Arbeitsmarktreformen macht. Aber das wäre ökonomisch und politisch kontraproduktiv. Es würde bedeuten, dass er seine eigenen Forderungen nicht ernst nimmt.

ZEIT: Hat Macron nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl mit Mélenchon gesprochen, um dessen Unterstützung zu gewinnen?

Pisani-Ferry: Nein.

ZEIT: Sind Sie enttäuscht, dass Mélenchon keine Wahlempfehlung für ihn ausgesprochen hat?

Pisani-Ferry: Es hat uns alle geschockt, dass sich diese Linke nicht von der Kandidatin der extremen Rechten distanziert hat – so wie noch 2002, als es Jean-Marie Le Pen, der Vater von Marine Le Pen, in die Stichwahl gegen Jacques Chirac schaffte. Mélenchon steht beispielhaft für diese Unentschlossenheit der Linken.

ZEIT: Woher kommt diese Unentschlossenheit?

Pisani-Ferry: Das hat mit Wut und Angst im linken Lager zu tun. Aber auch damit, dass der Front National inzwischen als ganz normale Partei gilt. Als Jean-Marie Le Pen noch Parteichef war, wollte Chirac mit ihm vor der Stichwahl kein Fernsehduell führen. Das geht heute nicht mehr. Marine Le Pen wird zunehmend wie eine normale Kandidatin behandelt – obwohl sie keine normale Kandidatin ist. Ihre Politik ist fremdenfeindlich.

ZEIT: Am Wochenende hat Le Pen beim Thema Euro eine Kehrtwende hingelegt und ihr Versprechen eines schnellen Austritts Frankreichs aus der Währungsunion kassiert. Hat Sie das überrascht?

Pisani-Ferry: Sie hat schon viele Kehrtwenden hingelegt. Niemand weiß mehr, was sie wirklich will. Sie wird erkannt haben, dass die Franzosen den Euro schätzen und behalten wollen und Angst um ihr Erspartes haben, sollte Frankreich die Währungsunion verlassen.

ZEIT: Dann ist Le Pens Wende aber für Macron gefährlich.

Pisani-Ferry: Tatsache ist: In Le Pens Wahlprogramm ist der Ausstieg aus dem Euro zentral. Sie kann ihre Wahlversprechen nur finanzieren, wenn Frankreich eine eigene Währung einführt und die französische Notenbank frisches Geld druckt. Die Finanzierung von Staatsausgaben durch die Notenbank war in Frankreich aber bereits vor der Einführung des Euro verboten, schon seit 1973. So etwas gibt es auch in keinem anderen Industrieland. Im Grunde will Le Pen das Land zurück in die ökonomische Steinzeit führen. Ich denke nicht, dass sich durch ihren jüngsten Vorstoß etwas ändert. Im Gegenteil: Er könnte ihre Glaubwürdigkeit weiter beschädigen.

ZEIT: Macron hat einen Neuanfang in Frankreich versprochen. Warum sollte ihm gelingen, woran so viele seiner Vorgänger gescheitert sind?

Pisani-Ferry: Weil sie immer nur kleine Schritte versucht und sich in Details verloren haben. Es gab in den vergangenen Jahren in fast jedem Quartal eine neue kleine Arbeitsmarktreform. Dadurch entstand bei den Bürgern der Eindruck, dass sich andauernd etwas verändert, ohne dass sich die Lage verbessert. Wir wollen Frankreich wirklich voranbringen und unsere Reformen sehr schnell auf den Weg bringen.

ZEIT: Und Sie glauben nicht, dass die Straßen von Paris dann voller Demonstranten sein werden?

Pisani-Ferry: Vielleicht. Aber wir haben schon vor der Wahl gesagt, was wir vorhaben. Wenn Macron gewählt wird, dann hat er ein klares Mandat für Veränderungen. Das macht den Unterschied.

ZEIT: Ist Emmanuel Macron ein Neoliberaler?

Pisani-Ferry: Nein, das ist er nicht. Ein Neoliberaler will den Staat um jeden Preis schrumpfen. Das ist nicht unser Programm. Wir wollen dort Geld einsparen, wo der Staat es verschwendet. Und dafür gibt es in Frankreich viele Beispiele.