Entwicklungsminister Gerd Müller stürmt auf die Bühne. Er wirkt beseelt. Schließlich geht es hier um die ganz großen Fragen, um die Zukunft Afrikas. Und damit – das schwingt mittlerweile für viele Deutsche bei diesen Worten mit – auch um die Zukunft Europas, um Flucht und Migration, um die Sorge, dass immer mehr Afrikaner nach Europa aufbrechen könnten.

Müller spricht an diesem Tag im März auf einer Konferenz des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Der Verband vertritt die Interessen deutscher Unternehmer, die auf dem afrikanischen Kontinent Geschäfte machen. Bis 2050 würden dort zwei Milliarden Babys geboren, sagt Müller. 200 Millionen Klimaflüchtlinge weltweit hätten die Wissenschaftler vorausgesagt, viele davon Afrikaner. Müllers Stimme wird jetzt beschwörend: "Doch wir haben die Lösungen, und das ist das Schöne." Wer sonst kann das schon von sich behaupten?

Seine Lösungen hat der CSU-Minister Müller in einem 33-seitigen Dokument zusammengefasst, Müller nennt es "Marshallplan". Einen "Paradigmenwechsel" kündigt er an, einen "neuen Zukunftsvertrag Europas mit Afrika".

Marshallplan: Das klingt nach Aufbau, Aufbruch, Wirtschaftswunder, nach: Hat bei uns ja auch geklappt. Viele afrikanische Bürger, Intellektuelle, Botschafter und Minister aber fühlen sich eher brüskiert. Bei Konferenzen, in Briefen oder auf Facebook fragten die einen: "Haben wir etwa einen Krieg verloren?" Und andere: "Warum plant ihr schon wieder ohne uns?"

Tatsächlich hatten Müller und sein Team die afrikanische Seite, also etwa Regierungen, überregionale Wirtschaftsgemeinschaften und die Zivilgesellschaft, in ihr hastig formuliertes Konzept anfangs nicht einbezogen. Erst in letzter Sekunde ersetzte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) den "Marshallplan für Afrika" durch "mit Afrika" und sprach von "Eckpunkten", die mit den afrikanischen "Partnern" diskutiert werden sollen.

Nie zuvor erschien die deutsche Afrika-Politik so wichtig wie heute. Es geht nicht mehr nur um Entwicklungspolitik, es geht um "Fluchtursachenbekämpfung". Mit diesem Auftrag stellte Angela Merkel den afrikanischen Kontinent ins Zentrum der deutschen G20-Präsidentschaft. Seit Monaten empfängt das halbe Kabinett afrikanische Delegationen, reisen die Kanzlerin und deutsche Minister nach Marokko, Niger, Uganda, Äthiopien, reiht sich Konferenz an Konferenz, Plan an Plan. Der Finanzminister holte sich den renommierten britischen Entwicklungs- und Migrationsexperten Paul Collier als Berater, um für die G20-Staaten einen globalen "Compact with Africa" vorzubereiten. Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries zog mit "Pro! Afrika" nach. Und immer wieder ist bei all dem vom "Big Push" die Rede; vom ganz großen Entwicklungsschub. Den will auch Gerd Müller anstoßen.

Vieles, was sein Marshallplan auflistet – mehr Aufmerksamkeit für Kleinbauern, höhere Umwelt- und Sozialstandards, bessere Ausbildung, die Forderung, dass sich die Mächtigen um gute Regierungsführung bemühen sollen –, gehört seit Langem zum entwicklungspolitischen Repertoire. Doch stärker denn je will Müllers Ministerium ab sofort solche Länder bevorzugen, die Korruption bekämpfen, den Rechtsstaat stärken und ihre Verwaltungen flottmachen. In sogenannten Reformpartnerschaften mit diesen "Guten" sollen dann Arbeitsplätze für Millionen von perspektivlosen jungen Afrikanern geschaffen werden. Fluchtursachenbekämpfung: Dafür brauche man "Jobs, Jobs, Jobs", sagt Müller.