Dies sei vorausgeschickt: Seit meiner Jugend bin ich Fan des Kirchentags (schlimm). Ich bin Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags (schlimmer). Ich bin Nachfahrin einer protestantischen "Mafia" (am schlimmsten). Und: Ich bin das alles auch noch gern (vielleicht am allerschlimmsten).

Was ist verwerflich daran? Nichts. Natürlich. Oder vielleicht doch? Suspekt ist offenbar der Gegenstand meines Interesses: der Kirchentag. Hans Michael Heinig, Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der EKD, hat einiges ausgemacht an Kritikwürdigem: "Selbstwidersprüche und lieb gewonnene Lebenslügen" nennt er das. Nun gut.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem vermeintlich "verzerrten Kirchenverständnis", das Heinig dem Kirchentag attestiert. So mancher "Funktionär" habe "ein eigenwillig verkrampftes Verhältnis zur verfassten Kirche". Man pflege "einen distanzierenden Habitus" und habe "Sorge vor einer feindlichen Übernahme durch das Kirchenamt". – Das hätten sie wohl gern in Hannover, will man da sagen! Ist es nicht eher umgekehrt? Wann erfährt die verfasste Kirche je ein solches Echo – in der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft, in den Wissenschaften und den Medien? Wann ist es der EKD je gelungen, so viele Menschen zu versammeln wie das von Laien dominierte Christentreffen: Menschen, die glauben; Menschen, die zweifeln; Menschen, die suchen; Menschen, die beten; Menschen, die singen; Menschen, die feiern; Menschen, die die Kirche nie kennengelernt haben, kirchenferne sozusagen; Menschen anderer Glaubensrichtungen, Menschen ohne Gottesglaube; Menschen aus Ost, Menschen aus West; Menschen aus Deutschland und aus aller Welt?

Es gibt kaum eine Gelegenheit, die die Vertreter der Kirche nicht nutzen, um beim Kirchentag aufzutreten. Sie freuen sich, sie machen mit – sie schmücken sich. Das ist doch wunderbar. Sie dürfen es, sie sollen es. Ziehen wir nicht alle an einem Strang? Wollen wir nicht alle Menschen erreichen? Fromm sein? Offen reden können? Andere nicht verunglimpfen, sondern ihnen zuhören? Aber gewiss doch!

Da ist des Weiteren der Kirchentag, der sich "als Ort staatsferner Zivilgesellschaft" inszeniert, wie der Professor für öffentliches Recht und Staatskirchenrecht an der Universität Göttingen schreibt. Ist eine Zivilgesellschaft nicht immer "staatsfern"? Staatsfern zu sein bedeutet nicht, gegen den Staat zu rebellieren. Beim Kirchentag tummeln sich keine Anarchisten, die den Staat beseitigen wollen. Ganz im Gegenteil: Basisgruppen werden eingeladen, selbstverständlich. Aber Politiker auch. Und die kommen. Sie kommen, weil sie wissen, dass sie in der Sache zwar hart, menschlich aber fair behandelt werden. Beim Kirchentag ist ein Dialog kirchennaher Menschen mit Politikern möglich, den es anderswo nicht gibt. In diesem Sinne "inszeniert" sich der Kirchentag nicht als staatsferne Zivilgesellschaft, er ist eine solche. So vor allem sind produktive Debatten möglich, lebensnah und unkompliziert.

In eigenartigem Widerspruch dazu rügt Heinig eine allzu große Nähe zur Politik. "Leitungsorgane" des Kirchentags pflegten "enge Beziehungen zu den politischen Eliten des Landes, ja sie sind fester Bestandteil dieser". – "Ein Kirchentagspräsident wird Minister, ein führendes Mitglied des Bundestages wird Kirchentagspräsidentin." Richtig. Jüngstes Beispiel: Bundespräsident Steinmeier war als Präsident des Evangelischen Kirchentags 2019 in Dortmund vorgesehen. Das wird er nun nicht mehr sein. Worin genau liegt der Schaden? Den vermag selbst Heinig nicht auszumachen. Was ihn stört, ist das Nebeneinander von Politikernähe und der, wie er sagt, "Pose des Kirchentages als basisorientierte Gegenmacht von unten". Als ob Basis und Spitze nicht zusammengebracht werden dürften. Als seien sie natürliche Gegner. Als könnten sie nicht Hand in Hand arbeiten. Als ob sie nicht zusammengehörten.

Der Kirchentag ist ein Ort der Freiheit. Im besten protestantischen Wortsinn. Wir freuen uns auf Berlin, wir freuen uns auf die Kirchentage in Weimar, Erfurt und all den anderen schönen Orten auf dem Weg, wir freuen uns auf Wittenberg. Wir freuen uns auf die Vertreter der EKD.

Und wir freuen uns auf Hans Michael Heinig, der am 26. Mai beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin auftreten wird.