Es ist Montag, der 1. Mai, am Tag der Arbeit informiert Fathi Derder seine Mitarbeiter darüber, wie es weitergeht mit L’Agefi. Die Auflage der welschen Wirtschaftszeitung ist auf 5.000 Exemplare gesunken, seit 2003 schreibt sie rote Zahlen.

Das soll sich nun ändern. Ausgerechnet mit ihm, einem FDP-Nationalrat an der Spitze. Ein Politiker als Chefredaktor – er ist nicht der erste in der Schweiz. Bereits nannten ihn die Westschweizer den Roger Köppel der Romandie.

Die welsche Medienbranche sorgte in den vergangenen Monaten vor allem für negative Nachrichten. Anfang Jahr kündigte Ringier an, die Wochenzeitschrift L’Hebdo einzustellen, im Februar erschien die letzte Ausgabe. Kurz darauf baute das Zürcher Medienunternehmen auch bei seiner Genfer Tageszeitung Le Temps 20 Stellen ab. Das andere große Schweizer Verlagshaus, Tamedia, wollte im vergangenen Jahr bei den Zeitungen 24 heures und Tribune de Genève 31 Stellen streichen. Nach Protesten und zähen Verhandlungen einigte man sich schließlich auf 12 Entlassungen.

Und nun will also Fathi Derder, Polit-Quereinsteiger und bekannter Radio- und Fernsehjournalist, aus einer klassischen alten Printzeitung ein modernes Medium machen. Schnellen Schrittes eilt er durch den Flur. Er trägt Hemd und Blazer in gedeckten Farben, teure Jeans, hellbraune Lederschuhe – Wirtschaftsressort-Uniform. Derder sagt: "Die Journalisten wollten viel von mir wissen." Hatte er auch Antworten? "Ja", sagt er. Und einen Plan. "Es wird schwierig, es gibt ein großes Defizit, ein immenses Risiko." Dann wechselt er von Französisch auf Englisch: "Böt no risk, no fön."

Das Risiko trägt aber vor allem ein anderer: der Investor Antoine Hubert. Ein bekannter Walliser Geschäftsmann, der gemäß Bilanz ein Vermögen von über 400 Millionen Franken angehäuft hat. Hubert machte Geld mit Immobilien, kaufte sich Privatspitäler, erzielt damit beträchtliche Renditen und investierte zuletzt in die Luxushotelkette Victoria-Jungfrau. Darum heißt sein Unternehmen nun Aevis Victoria.

In die Büros dieser Firma zog die Redaktion von Agefi im vergangenen Jahr. Von Lausanne in den Vorort Echandens. Die Aevis Victoria hielt damals schon 49 Prozent der Aktien von Agefi, nun hat Hubert das Verlagshaus ganz übernommen – und gründete dafür eine neue Gesellschaft. Die marode Zeitung gehört nun also einem Mann, der sonst Gewinne in Millionenhöhe anstrebt. "Jeder hat eine Leidenschaft, und Agefi ist vielleicht meine", erklärte Hubert gegenüber der Zeitung 24 heures, als er im November 2016 sein Übernahmeangebot machte. Agefi sei die einzige wirklich liberale Zeitung in der Westschweiz, deshalb habe er investiert.