Wenn Melanie Winkelmann auf den Balkon vor ihrem Wohn- und Schlafzimmer tritt, hat sie einen atemberaubenden Blick über den Hafen. Direkt vor ihr liegt, wie hingemalt, die Cap San Diego. Links schwebt die Elbphilharmonie über dem Fluss, davor tummeln sich die Barkassen zur Hafenrundfahrt. Schaut sie nach rechts, reicht der Blick bis nach Altona, wo im Morgenlicht gerade die Caribbean Princess am Kreuzfahrtterminal festgemacht hat. Ein Panorama, schöner als jede Hamburg-Postkarte. Wäre da nur nicht der Dreck.

Melanie Winkelmann nimmt ein weißes Küchentuch und fährt über das Holzbrett neben ihrem Kopfkissen. Ein dunkler Streifen ist auf dem weißen Tuch zu sehen. Dabei habe sie erst vor zwei Tagen geputzt. "Ganz schlimm ist es im Bad", sagt sie, da saugt eine Lüftung die Luft aus der ganzen Wohnung an und mit ihr den Dreck. Ständig seien die Fliesen mit feinem Ruß überzogen.

Sie liebt ihre Wohnung in der Straße Vorsetzen und diesen Blick, seit 14 Jahren lebt sie hier. Doch seit einiger Zeit macht sie sich Sorgen. Früher sei der Dreck weniger gewesen, seit immer mehr Kreuzfahrtschiffe kommen, muss sie ihre Fenster jede Woche putzen. Deshalb hat sie Malte Siegert und Sönke Diesener vom Naturschutzbund Hamburg gebeten, mit einem Messgerät vorbeizuschauen: ein blauer Kasten, der aussieht wie ein Handstaubsauger. Er heißt P-Trak und misst die Konzentration von ultrafeinen Partikeln (kleiner als 100 Nanometer) pro Kubikzentimeter Luft. Später, vor dem amerikanischen Konsulat an der Außenalster, wird das Gerät etwa 5.000 Partikel anzeigen, das ist normal in einer Großstadt, weit weg vom Hafen.

Jetzt steht Sönke Diesener im Wohnzimmer, die Fenster sind gekippt, die Balkontür steht offen. Er schaltet das Gerät ein. Nach einer Minute Aufwärmzeit erscheint der Messwert: 32.000.

"Alter Schwede", sagt Diesener. Noch nie habe er so einen hohen Wert in einem Gebäude gemessen.

Melanie Winkelmann lacht gequält. Dann fragt sie: "Wie lange habe ich noch?"

Diesener geht auf den Balkon. Jetzt zeigt das Messgerät rund 50.000 an. 50.000 ultrafeine Partikel in jedem Kubikzentimeter Atemluft.

Ein atemberaubender Wert.

Die Weltgesundheitsorganisation stuft Dieselabgase als krebserregend ein, in derselben Kategorie wie Asbest. Feinstaub entsteht beim Verbrennen von Diesel im Motor. Er dringt tief in die Lunge ein und lagert sich dort ab. Er kann Atemwegserkrankungen und Entzündungen auslösen, die Funktion der Arterien stören und zum Herzinfarkt führen. Ultrafeiner Feinstaub ist bislang erst wenig erforscht und gilt als besonders gefährlich: Die Partikel sind so winzig, dass sie laut Studien von der Lunge aus ins Blut wandern können. Bei Versuchen mit Ratten drang der Dreck bis ins Gehirn vor.

Wer am Morgen dieses 26. April im Wohnzimmer von Melanie Winkelmann steht und auf das Messgerät blickt, der stellt fest: Hamburg hat ein Feinstaubproblem.

Doch wenn die Politik in diesen Tagen den neuen Luftreinhalteplan präsentiert, spielt Feinstaub praktisch keine Rolle. Für die ultrafeinen Partikel gibt es bislang keinen EU-Grenzwert. Es gibt nur welche für größere Feinstaubteilchen, die im Tagesdurchschnitt gemessen werden, an Messstationen, die weit von den Landungsbrücken entfernt liegen. Dort werden die Werte eingehalten. Also alles okay, befindet die Stadt.

Alle Maßnahmen, die der Senat jetzt ergreifen will, haben ein anderes Ziel: die Konzentration des Reizgases Stickstoffdioxid zu mindern, das ebenfalls die Lunge schädigt, Entzündungen verursacht und zu Zellschäden führen kann. Der Grenzwert für dieses Gas wird in Hamburg an vielen großen Straßen überschritten. Die EU hat bereits ein Verfahren eingeleitet, ein Gericht verurteilte die Stadt, schnellstmöglich zu handeln. Man kann sagen: Bei den Stickoxiden steht die Stadt mit dem Rücken zur Wand, fest angelehnt. Deshalb handelt sie jetzt.

Zehn Maßnahmenpakete sind geplant, in denen vieles Bekannte steht: Die Radwege sollen ausgebaut werden, von 2020 an will die Stadt nur noch emmissionsfreie Busse kaufen, außerdem soll es 1.000 Ladestationen für Elektroautos geben. Und so weiter. Weil das alles nicht reicht, will die Stadt in einem Abschnitt der Max-Brauer-Allee nun ein Durchfahrtsverbot für Dieselfahrzeuge erlassen, die nicht die Abgasnorm Euro 6 erfüllen. Warum dort? Weil in der Max-Brauer-Allee ein Luftmessgerät steht, das schaurige Stickoxid-Werte ausweist. In der Stresemannstraße steht ein weiteres, mit ähnlich schlechtem Ergebnis, deshalb soll dort die Durchfahrt für Lkw verboten werden. So würden die Werte eingehalten, haben Experten der Stadt errechnet. Und alle Probleme wären gelöst.

Wirklich?

Fünf Stunden lang haben die Experten des Nabu mit der ZEIT an verschiedenen Orten in der Stadt die Feinstaubwerte gemessen. Die Ergebnisse sind beunruhigend.