Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

"Drei Millionen wurden für den deutschen Filmpreis ausgelobt?", fragt mein Kollege. "Insgesamt", versuche ich zu beschwichtigen, "also für alle Preisträger zusammen, nicht für jeden einzelnen." – "Weißt du, wie viel der bestdotierte deutsche Literaturpreis wert ist?" – "Filmen ist viel aufwendiger als schreiben. Und bei der Lola geht es immerhin um Kunst, den vergibt ja die Filmakademie. Der Skandal ist ein anderer: Diese Preissumme ist ein Bruchteil dessen, was dafür ausgegeben wird, dass im Fernsehen immer etwas zu sehen ist, egal, worum es gerade geht." – "Ein Bildmedium braucht Bilder auch dort, wo es gar keine gibt, wo also normalerweise nichts zu sehen wäre, sondern nur etwas zu hören."

– "Wenn wir uns die dicken Backen der Bläser in Nahaufnahme ansehen müssen und dadurch von der Musik abgelenkt werden." – "Hunderte von Polizeistationen müssen für all die Krimis ausgestattet werden, zufällig weiß ich, was da für irrwitzige Summen draufgehen. In welchem Verhältnis steht hier der künstlerische oder Informationswert zu den aufgewandten Mitteln?" – "Geld, das der Förderung von guter Sprache abgeht …" – "Richtig ins Geld geht der Aufwand, der betrieben wird, einen Napoleon-Statisten vor einem rauchenden Schlachtfeld durch ein Fernrohr sehen zu lassen, damit drei Historikersätze aus dem Off nicht unbebildert bleiben …" – "Kostümierte Laiendarsteller paddeln als Hemingway über den angeblichen Neckar, schuckeln als Madame de Staël in einer Pferdekutsche durch den angeblich deutschen Wald oder beugen sich als Goethe im Gartenhaus über einen Bergbauplan." – "Das ist nicht nur redundant, sondern die reine Desinformation. Und kostet richtig Geld."

– "Und bringt nichts ein außer dem Gefühl, dass im Fernsehen einfach alles zu sehen ist, auch das längst Vergangene, auch das Unsichtbare." – "Auch das, wo man normalerweise nicht zugucken würde. Oder würdest du all den Politikern dabei zusehen wollen, wie sie immer wieder aus Autos steigen und durch Sicherheitsspaliere und Hoteltüren gehen – würdest du dir das freiwillig ansehen, wenn da nicht aus dem Off die Nachrichten kämen, die diesen Bildern so etwas wie Bedeutung verleihen? Mach mal den Ton aus, das Wort. Dann siehst du die ganze Armseligkeit dieser Zwangsbebilderung, die zu hohen Prozentzahlen nicht nur überflüssig ist, sondern den gefährlichen Irrglauben nahelegt, man könne immer und überall als Augenzeuge dabei sein, man könne alles sehen, was wichtig ist." – "Was für eine Illusion. Wie viel mehr kann das Wort." – "Haben die drei großen Weltreligionen nicht ein Bilderverbot? Oder bring ich jetzt alles durcheinander?"