Wird Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten gewählt, dann dürfte die Geldpolitik in Europa sich dramatisch ändern. Schon nach Macrons Sieg im ersten Wahlgang sendeten Aktien- und Anleihenkäufer mit ihrem Optimismus ein klares Signal: Mit Macron im Élysée-Palast würden die politischen Risiken der Eurozone kräftig schrumpfen, und der Weg wäre frei, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zu normalisieren. Und zwar schon im Juni – dank der überraschend starken Inflationszahlen.

Der EZB-Chef Mario Draghi hat Vabanque gespielt mit der Entscheidung, mit dieser Normalisierung bis nach den französischen Wahlen zu warten. Aber es scheint sich zu lohnen. Siegt Macron wie erwartet, wird auch der Blick frei darauf, wie sich der Normalisierungsprozess in den kommenden Monaten wohl gestalten wird.

Eine Frage ist immer: Werden zuerst die monatlichen Anleihekäufe gedrosselt, oder steigen zuerst die Zinsen? Frankreichs erster Wahlgang hat die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Zinsen zuerst steigen werden, schließlich lehnt die französische Zentralbank negative Zinsen, wie sie Banken heute abverlangt werden, vehement ab. Und ihr Einfluss dürfte wachsen.

Mit einem Wahlsieg hätte Macron die EU gerettet, weshalb er für Frankreich einen Spitzenjob bei der EZB erhalten dürfte. Die Deutschen akzeptieren diese Tatsache und begrüßen sie sogar. Sie wollen und brauchen die Unterstützung der Franzosen bei der Lenkung der EU und der Eurozone. Eine schwache Führung im Élysée-Palast schadet den deutschen Interessen.

Genauer bedeutet dies, dass der nächste Präsident der EZB wohl ein Franzose sein wird, am wahrscheinlichsten François Villeroy de Galhau, der Chef der Bank von Frankreich.

Schon vor der Wahl wurde geraunt, dass Villeroy auf den Italiener Mario Draghi folgen wird, wenn dieser 2019 abtritt; Bundesbankpräsident Jens Weidmann, einziger infrage kommender deutscher Kandidat, habe zu viele Fehler und sich auch zu viele Feinde gemacht, um wählbar zu sein.

Als Kronprinz vergrößert sich Villeroys Einfluss in der EZB schon heute, obwohl der Job ja erst in zwei Jahren zu haben ist. Und wie zu hören ist, lehnt er Negativzinsen von ganzem Herzen ab. Er ist kein Falke, sieht aber, dass Negativzinsen den französischen Banken schaden und auch ein Programm der Bank von Frankreich stören, mit dem sie Banken anhalten will, für bestimmte Sparangebote für Normalkunden einen positiven Zinssatz festzuschreiben.

Bei Negativzinsen weiß Villeroy sich mit den Deutschen vollkommen einig; der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble engagierte sich beim Frühjahrstreffen des Internationalen Währungsfonds in Washington für eine Zinssteigerung, und man darf annehmen, dass Jens Weidmann ihm da nicht nachsteht.

Die extrem niedrigen Zinsen haben die Europäische Zentralbank wie auch den Euro selbst unbeliebt gemacht bei den deutschen Sparern. Sie könnten ihre Wut bei der Bundestagswahl im September an Kanzlerin Angela Merkel auslassen. Da käme ihr die Abkehr von Negativzinsen oder wenigstens eine entsprechende Bewegung in diese Richtung sehr gelegen. Dieses Projekt dürfte das erste Thema sein, bei dem Franzosen und Deutsche zeigen, dass sie bei geldpolitischen Fragen eng zusammenarbeiten können.

Geht es darum, die monatlichen Wertpapierkäufe auslaufen zu lassen, könnte es anders aussehen. Die Deutschen wollen diese Form der Geldschöpfung beenden, sobald die Frist am 1. Januar 2018 abläuft, während die Franzosen das Programm wohl mindestens bis zu den Wahlen in Italien im nächsten Frühjahr ausdehnen wollen, allerdings mit einem reduzierten Volumen von etwa 30 bis 40 Milliarden Euro monatlich. Die französische Haltung wird sich vermutlich gegen die deutsche durchsetzen.

Aus dem Englischen von Elisabeth Thielicke