Zu den unausrottbaren Krankheiten der Medienbranche gehört ihr angeborener Alarmismus. Naturgemäß können Journalisten gar nicht anders, als den Teufel auch dort an die Wand zu malen, wo gar keiner ist, nicht einmal eine Wand. Die jüngste Alarmmeldung, die sittlich unbehandelte Journalisten in die Welt gesetzt haben, stammt aus Apothekerkreisen und besagt, dass deutschen Ärzten aufgrund von Lieferengpässen beim Wirkstoff Remifentanil die Narkosemittel ausgehen. "In wenigen Wochen", so lesen wir in einer Frankfurter Allgemeinen Zeitung, "sind die letzten Reserven aufgebraucht. Vertretbare therapeutische Alternativen sind nicht bekannt."

An diesem Punkt müssen wir schmerzhaft Widerspruch anmelden und auf einen therapeutisch aufregenden Vorschlag des unter Feuilletonlesern bekannten Literaturwissenschaftlers Hans Ulrich Gumbrecht verweisen. Mutig und ohne örtliche intellektuelle Betäubung hat Professor Gumbrecht in einem Zeitungsbeitrag daran erinnert, dass uns Gegenwartsbewohnern die existenzielle Intensität des Lebens abhanden gekommen ist. Weil sich die Europäer heutzutage nur noch in der sozialdemokratischen Komfortzone aufhielten, mehr noch: weil sie tutti quanti von einem schmerzfreien Dasein in totaler Gerechtigkeit und totaler Behaglichkeit träumten, spürten sie die numinose Tiefe ihres endlichen Daseins nicht mehr. Sehr schön schreibt Professor Gumbrecht dazu: "Wenn der Sozialdemokratismus dem Leben die Stacheln von Wettbewerb, Risiko und Investition nehmen will, dann reduziert er seine Intensitätschancen."

An dieser Stelle fragen wir uns hellwach, ob uns der Lieferengpass bei Narkosemitteln nicht eine willkommene Gelegenheit verschafft, ganz im Sinne von Professor Gumbrecht wieder Fühlung zu den unbetäubten Tiefen des naturbelassenen Daseins aufzunehmen – einem Leben, das sich selbst spürt und von reichen Intensitätschancen gesättigt ist. Warum muss jede Zahnarztbehandlung unter Einsatz von Schmerzmitteln erfolgen? Müssen alle Menschen, auch jene, deren Beitrag zum Gemeinwohl gering ausfällt, beim Anästhesisten gleichbehandelt werden, obwohl doch jeder weiß, wie individuell unterschiedlich Schmerzen sein können? Friedrich Nietzsche jedenfalls wusste, was Sozialdemokraten gern vergessen: Lust und Schmerz sind keine getrennten Seinsbereiche, sondern gehen unbetäubt ineinander über. "Im Schmerz ist so viel Weisheit wie in der Lust. Dass der Schmerz weh tut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen!

FINIS