Kurz vor der Wohnungstür, im obersten Stock eines Hauses im eleganten 7. Pariser Arrondissement, erreicht die Besucherin die erste Frage von dem, der das Fragenstellen zur Kunstform gemacht hat: "Haben Sie sich denn vorher informiert, ob ich gaga bin oder nicht?" Georg Stefan Troller bittet den Gast herein. "Sie müssen verzeihen", sagt er, als wir durch Flur seiner Wohnung gehen, "aber manchmal frage ich mich, ob Menschen mich besuchen, weil oder obwohl ich fünfundneunzig Jahre alt bin."

Wie wär’s, wenn man den Jahrhundertmenschen Georg Stefan Troller, geboren am 10. Dezember 1921 in Wien, einfach um seiner selbst willen besucht? Den Weltbürger, Autodidakten, Menschenforscher, den die Zeitläufte zum Journalisten gemacht haben. Den Mann, der das deutsche Fernsehen mit seiner radikal subjektiven Art des Fragens und Betrachtens revolutionierte. Den Sohn eines jüdischen Pelzhändlers, der als Siebzehnjähriger vor den Nazis über Frankreich in die USA fliehen musste und der sich 1949 endgültig in Paris niederließ. Seitdem lebt, filmt und schreibt Georg Stefan Troller in der französischen Hauptstadt. Und seit mehr als fünfzig Jahren versucht er, den Deutschen die Franzosen zu erklären. Jetzt wieder? Anlass des Besuchs ist zwar die Troller-Retrospektive des gerade eröffneten Münchner Festivals Dok.fest. Aber natürlich möchte man auch gemeinsam mit Troller auf das blicken, was zurzeit in "seinem" Frankreich los ist.

Legendär wird seine in den sechziger Jahren von der ARD ausgestrahlte Sendereihe Pariser Journal. Trollers Stimme mit dem leicht wienerischen Einschlag ist der Klangkörper für die bundesrepublikanische Sehnsucht nach französischem Flair und Esprit, nach poetischem Intellekt und ungebrochener Grandezza. Seine halbstündigen Filme sind Streifzüge durch Paris, mit Porträts seiner Dichter, Arbeiter, Schriftsteller, Filmstars, Marktfrauen, Intellektuellen. Zwischen drei und sechs Personen porträtiert Troller in seinen Sendungen, stets geprägt von seiner Lebensneugierde, dem leicht ironischen Humor. Da prallt eine Begegnung mit Alain Delon auf eine Reportage über Streiks, findet sich ein Interview mit Simone de Beauvoir neben einem Bericht über Pariser Straßenkehrer, folgt ein Besuch im Wohnzimmer von Juliette Gréco auf Bilder von Algerien-Geflüchteten. Aus furchtlosen Kombinationen der Themen und Figuren entsteht eine pariserische condition humaine: Georg Stefan Troller, der "deutsche Kulturjude", wie er sich einmal nannte, war das journalistische Scharnier zwischen den Deutschen und der Grande Nation.

Während die Besucherin in Trollers Wohnzimmer Gemälde, Fotos und die Aussicht auf Jugendstilfassaden bewundert, schaut seine jüngere Frau Kirsten herein und verabschiedet sich gleich wieder. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ihr Mann die Renovierung der Wohnung seit Jahren verhindert. "Ja, das wäre mir dann doch zu viel", sagt Troller und holt Orangensaft aus der Küche. Sein Gang ist gebeugt, seine Stimme nach wie vor markant. Mit seinem rund gestutzten Bart sieht er immer noch aus wie ein exzentrischer Großwildjäger. Ein Haudegen mit Haltung.

Natürlich landen wir schnurstracks bei der aufgeladenen Stimmung vor den französischen Präsidentschaftswahlen am kommenden Wochenende. Troller spricht über das Totalversagen von François Hollande, über dessen Unfähigkeit, die Arbeitslosigkeit zu senken, geschweige denn die Jugendarbeitslosigkeit ("20 bis 30 Prozent, ein Wahnsinn!"). Das Problem des unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron sei, dass er den Franzosen Wirtschaftstipps gebe, aber keine Mission habe ("Und was ist Frankreich ohne Mission!"). Er erschauert vor einer von Marine Le Pen kürzlich in Nizza gehaltenen Rede, die nur aus identitären und nationalistischen Schlagwörtern bestanden habe. Und vor Le Pens Vermögen, sich dennoch als Inbegriff einer Mission darzustellen ("Eine fabelhafte Volksverhetzerin!"). Was auch immer bei der Wahl passiere, sagt Troller, "es bleibt ein Block von dreißig bis vierzig Prozent der Franzosen, die sich nach dem Faschismus sehnen oder ihn in Kauf nehmen. Das ist eine Ungeheuerlichkeit."

Ja, Troller ist empört! Seine große Sorge gilt dem, was nach der Wahl geschehen könnte: "Wenn ich die Franzosen richtig kenne, wird es Demonstrationen geben, vielleicht irgendwann einen Umsturzversuch. Diese Frau kann ja Hunderttausende auf die Straße bringen." Dann sagt er das, was aus seinem Mund ein anderes Gewicht bekommt: "Ungarn, Polen, Frankreich – man erinnert sich an Deutschland in den zwanziger oder dreißiger Jahren." Da sitzt man also an einem unwirklich warmen Frühlingstag über den Dächern von Paris mit einem fünfundneunzigjährigen Zeitzeugen, der noch einmal in die Zeugenschaft gezwungen wird.