Ein Politikerleben lang hat ihn vor allem eins interessiert: sein eigenes Metier. Er hat für den Ausbau der A 1 auf sechs Spuren gekämpft und gegen ein Nachtfahrverbot für private Paketboten. Gegen Radarfallen und für Formel-1-Rennen. Nun, nach einem Vierteljahrhundert, hat der Aargauer SVP-Nationalrat und Transportunternehmer Ulrich Giezendanner ein neues Thema entdeckt: das Gesundheitswesen.

Er will, was alle Gesundheitspolitiker wollen: die Kosten senken. Und das möglichst rasch, denn Ende 2019 tritt er zurück. Mit jeder Idee, die Giezendanner vorschlägt, macht er sich bei "unglaublich vielen Leuten unglaublich unbeliebt", erzählt er am Telefon. Das ist ihm egal: "Ich muss nie mehr wiedergewählt werden."

Und so sieht er aus, der "Plan "Giezi": Die Franchise auf 500 Franken anheben. Spitäler sollen Garantieleistungen selber bezahlen, etwa Operationen, die ein zweites Mal durchgeführt werden müssen. Sans-Papiers will der rechte Politiker die Krankenversicherung verweigern.

Verärgert hat der 63-Jährige aber vor allem die Ärzte. Mit seiner Idee, ein Globalbudget für deren Leistungen einzuführen. Fortan soll im Voraus definiert werden, wie groß das Kostenwachstum sein darf. Wird es überschritten, müssen die Ärzte die Differenz im Folgejahr kompensieren. Damit konnte der Dossier-Novize überraschend seine Kollegen in der Gesundheitskommission des Nationalrats (SGK) überzeugen. Im Juni behandelt die Ständeratskommission den Vorstoß.

Plötzlich scheinen sich alle für die Gesundheit zu interessieren. Allen voran die politischen Alphatiere rechts der Mitte.

Neben Ulrich Giezendanner sitzen neu auch Toni Brunner und Heinz Brand von der SVP und Pirmin Bischof von der CVP in der SGK. CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister nutzt derweil jede Gelegenheit, um sein neues Steckenpferd "Gesundheit" unter die Leute zu bringen. Die SP hat ihrerseits das Dossier zum "Kernthema" erklärt. Und auch der Preisüberwacher – selbst Mitglied der CVP – mischt sich ein. Er sagt: Die Schmerzgrenze ist erreicht.

Die Zahlen, die diesen neu entfachten Reformeifer untermauern, hat vergangene Woche das Bundesamt für Gesundheit geliefert. Sie sind zwar erst provisorisch, aber trotzdem eindrücklich:

2015 ließen sich die Schweizer ihre Gesundheit 77,8 Milliarden Franken kosten, das sind drei Milliarden oder 4,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Zwei Drittel der Mehrausgaben entstanden in den Spitälern.

Jeder Einwohner, vom Kleinkind bis zur Hundertjährigen, gibt durchschnittlich 783 Franken pro Monat für seine Gesundheit aus. Also für Krankenkassenprämien und jenen Teil der Behandlungskosten, die er über die Franchise und den Selbstkostenanteil selber bezahlen muss. 2015 waren das 24 Franken mehr als im Vorjahr.

Seit 1996, seit der Einführung der obligatorischen Krankenversicherung, sind die Prämien fünfmal so schnell gestiegen wie die Löhne und sind die Gesundheitskosten doppelt so schnell gewachsen wie das Bruttoinlandprodukt. Die Krankenkassen fressen also einen immer größeren Teil des Einkommens weg.

Im Gegensatz dazu hat die Steuerbelastung in der Schweiz in den vergangenen Jahren leicht abgenommen, wie eine OECD-Studie kürzlich zeigte.

Eine Einzelperson hat im vergangenen Jahr 21,8 Prozent Steuern und Abgaben bezahlt, eine Familie mit zwei Kindern und einem erwerbstätigen Elternteil kam 2016 auf 9,1 Prozent. Niedriger war die Belastung nur noch in Irland, Chile und Neuseeland.

Die Schweiz ist ein Steuerparadies, aber die Hölle auf Erden, wenn es um die Gesundheitskosten geht. Die Linke prangert das schon lange an, nun aber scheinen auch immer mehr bürger-liche Politiker zu begreifen: Die Krankenkassenprämien sind die neuen Steuerfüße. Mit ihnen lässt sich Politik machen. Die Frage ist nur: Wie?