"Wir können uns gar nicht vorstellen, wie es sein muss, in Amerika schwarz zu sein", sagt mein kanadischer Freund Scott, als wir aus dem Kino kommen, wo wir Get Out gesehen haben. Okay, wir sind beide weiß – aber fehlen uns deshalb Empathie, Einfühlungsvermögen und Abstraktionsfähigkeit? Und wenn ja: Wofür haben wir uns dann Get Out überhaupt angesehen? Denn der Film ist nicht nur eine fulminante Horrorsatire, in einer Sekunde zum Schreien lustig, in der nächsten zum Schreien furchterregend – Get Out ist eine Metapher für das Schwarzsein in Amerika. Das hätte plump werden können, doch Jordan Peele zeigt in seinem Regiedebüt geschickt die labyrinthischen Verzwicktheiten der amerikanischen race relations, all die peinlichen Fehltritte, die paternalistische Political Correctness, die verkrampfte Entspanntheit – und die wahrhaft mörderische Gewalt, die dieser Gesellschaft zugrunde liegt. Peele gehört zum Comedyduo Key&Peele, das seit Jahren Rassenfragen aufs Korn nimmt, als Teil der neuen popkulturellen Auseinandersetzung mit diesem uramerikanischen Thema.

Kino - "Get Out" (Trailer) © Foto: Universal Pictures

Der Fotograf Chris (Daniel Kaluuya) fährt mit seiner weißen Freundin Rose (Allison Williams aus Girls, eine brillante Besetzung. So weiß ist nicht mal Heidi Klum!) auf das Anwesen ihrer Eltern: Missy (Catherine Keener, wie immer zum Sterben gut) ist Psychiaterin, spezialisiert auf Hypnose, und Dean (Bradley Whitford) ist Neurologe. Beide haben überhaupt kein Problem damit, dass ihre Tochter einen schwarzen Freund hat. Sie lieben Schwarze – etwas zu sehr, wie man herausfinden wird. Dean liebt natürlich auch Obama, er beteuert es so sehr, dass es bald unangenehm wird.

Da ist diese seltsame Anspannung, die sich einstellt und den Zuschauer nicht verlässt. Und das ist bloß der Anfang. Diesen klugen Film, der so kunstvoll und verspielt die Theorien der Identitätspolitik auf die Leinwand bringt, sollen wir nicht verstehen können, nur weil wir weiß sind? Wofür ist Kino denn da, wenn nicht, um Horizonte ästhetisch und emotional zu erweitern? "Du hast ja recht", sagt Scott, "aber Ghost in the Shell mit Scarlett Johansson in einer eigentlich asiatischen Rolle, das war echt nicht PC."