Die Mädchen vorne in der ersten Reihe kichern noch wie Kinder, auf den Stirnen der Jungs glänzen die Pickel: Die 15 Schüler dieser 11. Klasse am Gymnasium Lohmar stecken mitten in der Pubertät. "Der Mensch als Produkt der Evolution", schreibt Lehrer Mario Heese an die Tafel. Philosophie in der Oberstufe. Im Treppenhaus hatte Heese seine Schüler als "die mit dem Turbo-Abi" angekündigt. Und "Turbo-Abi" dabei so in die Länge gezogen, als wolle er sich darüber lustig machen. Am Fenster sitzt Ben, 16 Jahre alt, gestreifter Pulli, braune Haare, Brille, meldet sich oft, um mitzudiskutieren. Über tradierte Geschlechterrollen, Gene, Darwin.

Ein Stockwerk tiefer, im Klassenraum der 10 a geht es um Globalisierung. Die Schüler sehen nicht viel anders aus als Bens Mitschüler: gleiches Alter, ähnliche Kleidung. Ann-Kathrin redet über Ursachen, Risiken und Chancen der Globalisierung wie Ben über Darwin. Ben könnte auch auf Ann-Kathrins Platz sitzen. Oder umgekehrt. Die beiden sind im September 2011 gemeinsam am Gymnasium Lohmar in der Nähe von Bonn eingeschult worden. Nach der vierten Klasse trennten sich ihre Wege. Ben macht sein Abitur in acht Jahren, Ann-Kathrin in neun.

Wer von den beiden wird mehr Schulstress haben? Wer wird das bessere Abitur hinlegen und am Ende konkurrenzfähiger und reifer ins Studium starten? Über solche Fragen zerbrechen sich Bildungspolitiker, Eltern und Lehrer derweil die Köpfe. G8 oder G9 – über kaum ein Bildungsthema wird so kontrovers gestritten, egal ob in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen oder Bayern. Ob es auch eine Landtagswahl entscheiden kann, wird sich in wenigen Tagen in Nordrhein-Westfalen zeigen.

Jede Partei hat ein eigenes Modell vorgelegt: AfD, Linke und Piraten wollen flächendeckend zurück zu G9. Die CDU will die Entscheidung jedem Gymnasium selbst überlassen. Nach dem Plänen der SPD sollen die Schüler erst in Klasse 10 die Entscheidung treffen, ob sie 12 oder 13 Jahre zur Schule gehen. Und die amtierende grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann möchte, dass jedes Gymnasium sowohl G8 als auch G9 anbieten soll. Ihr Stichwort: flexible Schulzeit. Die Schüler entscheiden nach der sechsten Klasse, welchen Weg sie gehen wollen. Am Gymnasium Lohmar wird bereits umgesetzt, wovon Löhrmann träumt. Schulleiterin Uta Sonnenberger sitzt vergnügt in ihrem Büro. Sie und ihre Kollegen seien gerade sehr gut gelaunt: "Vor einigen Jahren waren wir noch die Exoten. Jetzt könnten wir bald zu Vordenkern werden." An ihrer Schule starten jedes Jahr zwei Jahrgänge mit G8 und zwei mit G9. Ein aufwendiges Experiment. Doch das Kollegium wollte es so. 2010 hatte die neu gewählte rot-grüne Landesregierung allen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen angeboten, probeweise zu G9 zurückkehren.

"Für eine gute Reform lohnt es sich zu kämpfen"

Allerdings nicht zum "alten" G9 mit 179 Wochenstunden in der Sekundarstufe I, verteilt auf sechs Schuljahre, und einer zweiten Fremdsprache in der siebten Klasse, sondern einem "neuen" G9 mit 188 Wochenstunden und der zweiten Fremdsprache bereits ab der sechsten Klasse. Elf Gymnasien entschieden sich für den Schulversuch. Zwei von ihnen – darunter das Gymnasium Lohmar – gingen noch weiter und bieten G8 und G9 nun parallel an.

Zurück zu G9 – das Gymnasium Lohmar weiß jetzt, wie viel Arbeit das macht. Wie irrsinnig hoch der Aufwand ist. Ein halbes Jahr waren die Fachschaften damit beschäftigt, neue Lehrpläne auszuarbeiten. In Mathe gab es für die "neuen" G9-Schüler kein passendes Buch. Jetzt haben die Schüler zwei: ein Mathebuch der Gesamtschule und eines für G8. Die Unterrichtsinhalte mussten sie zwar nicht erweitern, aber auf ein weiteres Jahr verteilen. Das heißt: mehr Anwendungsbeispiele, mehr Übungen. Die Lehrer in Lohmar entschieden sich, den Schwerpunkt auf die Hauptfächer zu legen. Pro Fach haben die G9-Schüler eine Stunde mehr Unterricht in der Woche als jene im G8-Modell. Wer ein solches Doppelabitur organisieren will, braucht Geduld und Geschick, vor allem Organisationstalent. Wie viele Wahlpflichtkurse kann es geben? Wie weit lässt sich differenzieren?

Lohnt sich das alles? Eine von der Stiftung Mercator erarbeitete übergreifende Analyse zu den Auswirkungen von G8 und G9, die der ZEIT exklusiv vorliegt, kommt zu dem Schluss, dass es kaum Unterschiede zwischen den Schülern gibt. Egal ob sie ihr Abitur nach acht oder neun Jahren ablegen, sie haben nicht mehr und nicht weniger Stress, sie kommen zu ähnlichen Leistungen.

Für Uta Sonnenberger ist es vor allem ein Dienst an den Eltern, sich mit all den ungelösten Fragen um Stundentafeln, Lehrpläne und Bücher herumzuschlagen. Überzeugt hat sie am Ende der starke Wunsch der Mütter und Väter, wieder zu G9 zurückzukehren. "Für eine gute Reform lohnt es sich zu kämpfen", sagt sie. Seit der Einführung des Modellversuchs sind die Anmeldezahlen um 20 Prozent gestiegen. Insgesamt wünschen sich 70 Prozent der Eltern am Gymnasium Lohmar das neunjährige Abitur. Warum dann nicht gleich ganz zurück zu G9? "Wir fühlten uns dazu verpflichtet, beide Modelle anzubieten", sagt Sonnenberger. "Wir können ja nicht allen Schülern G9 vorschreiben."