Man kann sich schon jetzt ausmalen, welche Story kommende Woche nach der Bilanz-Pressekonferenz der HanseMerkur erzählt werden wird: Der Hamburger Traditionsversicherer hat seinen imposanten Wachstumskurs fortgesetzt. Die Erträge sprudeln. Und das Kapitalpolster ist auch 2016 wieder dicker geworden. Seit Langem geht das so. Die HanseMerkur hängt ein Rekordjahr an das nächste.

Doch ist die aggressive Expansionspolitik wirklich nachhaltig? Diese Frage stellt sich nach ZEIT-Recherchen drängender denn je. Wäre der letzte eigenständige Hamburger Großversicherer nämlich ehrlich mit sich selbst, dann müsste er nächste Woche neben dem offiziellen Zahlenwerk noch eine weitere, inoffizielle Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr vorlegen. Diese würde, auf den Punkt gebracht, lauten: zwei Pleiten, eine Liquidierung – und jede Menge Ärger. Hinter der glatten Fassade des Unternehmens spielen sich Dramen ab.

Was bisher geschah: Seit 2002 hat die HanseMerkur ihre Beitragseinnahmen auf mehr als zwei Milliarden Euro vervierfacht – ein in der Branche wohl beispielloser Aufschwung. Ein entscheidender Faktor sind sogenannte Billigtarife, mit denen die Hanse in ihrem Kerngeschäft, der privaten Krankenversicherung (PKV), junge Selbstständige anlockt. Der Charme dieser Strategie: Dieses Klientel ist selten krank. Der Nachteil: Auch diese Versicherten werden eines Tages alt und damit anfälliger sein. Ist dieses Risiko in die Billigangebote sauber eingerechnet? Hanse-Chef Eberhard Sautter bekräftigt dies immer wieder. Kritiker, auch intern, zweifeln daran.

Der zweite Grund für das Wachstum ist die riesige Vertriebsarmada, über die die HanseMerkur mittlerweile verfügt. 2012 wurde zu diesem Zweck ein spezielles Tochterunternehmen gegründet, die Hanse Vertriebspartner AG (HVP). Unter ihrem ersten Chef, dem umtriebigen Branchenveteran Peter Ludwig, beteiligte sich die Firma zu je 50 Prozent an drei der größten PKV-Vertriebe des Landes, nämlich der Impuls AG, der Inpunkto AG und der Verticus AG. Doch das war noch nicht alles. Denn daneben wollte die Hanse auch im Reiseversicherungsgeschäft zu einem großen Player aufsteigen. Dazu ging sie einen Deal mit der mittlerweile insolventen Skandalfirma Unister ein.

Die Sache mit Unister funktioniert, zugespitzt formuliert, so, dass die Hanse den Leipziger Internetkonzern mit Krediten liquide hielt – und zeitgleich Reiseversicherungen über Unister-Portale wie Ab-in-den-Urlaub.de oder Fluege.de vertreiben durfte. Die von Verbraucherschützern als "Abo-Falle" kritisierten Policen verkaufte die Hanse allerdings nicht unter eigenem Namen. Stattdessen gründete sie dafür eine weitere Tochter namens BD24.

Fatal wäre nun, wenn die HanseMerkur nach der Unister-Pleite im vergangenen Juli ihre Kredite von zwischenzeitlich mehr als 50 Millionen Euro nicht mehr zurückerhielte. Diese Gefahr allerdings scheint nach ZEIT -Informationen mittlerweile gebannt.

Der Hintergrund ist: Die Hanse soll sich als Sicherheit für ihre Kredite den Zugriff aufs Reisegeschäft von Unister gesichert haben. Der Insolvenzverwalter hat die Sparte kürzlich lukrativ verkauft – und bedient aus dem Erlös nun die Ansprüche der Hanse. Eine Frage stellt sich allerdings trotzdem: Was wird nur aus der BD24?

Die Tochter habe "immer mit mehreren Partnern kooperiert", antwortet die HanseMerkur auf Anfrage. Diese Verbindungen würden nun intensiviert, "um den Prämienabrieb aus dem Unister-Geschäft zu kompensieren".

Die Causa Unister ist aber nur ein Problem unter vielen. Denn auch im Beteiligungsgestrüpp der HanseMerkur gibt es Probleme. Es ging damit los, dass besagter HVP-Chef Peter Ludwig das Unternehmen im Herbst 2015 unter mysteriösen Umständen verließ. Die Vorstände der HVP-Beteiligungen erfuhren davon angeblich an einem Freitagnachmittag per Fax. Ludwigs Mantra war es, mit den zugekauften Vertriebseinheiten partnerschaftlich auf 50 : 50-Basis zusammenzuarbeiten. Seit er weg ist, so berichten Insider, will die HanseMerkur die Beteiligungen deutlich enger an die HanseMerkur binden.

Dieser Kurswechsel sorgt innerhalb des HVP-Netzwerks offenbar für Verstimmungen. Ein Beispiel: Die Verticus AG und die Inpunkto AG haben sich unter dem Dach der HanseMerkur wohl derart verkracht, dass sich ein erst 2014 gegründetes Gemeinschaftsunternehmen – es heißt Aurum – inzwischen in Liquidation befindet. Ein weiteres Beispiel: Bei der Impuls AG amtiert der in Hamburg verschmähte Peter Ludwig nach wie vor als Aufsichtsratschef. "Ein offener Affront gegen die HanseMerkur", sagt ein Insider. Was ebenfalls verwundert: Die Impuls AG, früher eine Gewinnmaschine, macht unter der Obhut der HanseMerkur plötzlich Riesenverluste. Und: Ein weiteres HVP-Gewächs, die Social Markets AG, ist vergangenes Jahr überraschend in der Insolvenz gelandet.

Erreicht man den ehemaligen Social-Markets Vorstand Rainer Demski am Telefon, sagt der zunächst, dass er gar nichts sagen wolle – nur um dann eine Ungeheuerlichkeit rauszulassen. "So viel dürfen Sie schreiben: Diese Insolvenz ist mutwillig herbeigeführt worden." Ein krasser Vorwurf – zu dem sich die HanseMerkur nicht äußern will. Auch sonst hüllt sich der Versicherer in Schweigen, abgesehen von dem Hinweis, dass die HVP "ein lebendiges Netzwerk" sei und man bei allen Beteiligungen regelmäßig prüfe, "ob ihre Ausrichtung im Einklang mit unseren strategischen Überlegungen und Zielen steht".