Ihre Arbeit beginnt schon im Schlafanzug. Wenn Vee de la Rosa morgens um sechs Uhr in Hongkong ihren Job beginnt, kümmert sich die Haushaltshilfe meist gleich um das Kind der Familie. Abends um elf hat sie Feierabend – und geht oft gleich ins Bett. Ein Mädchen für alles, das 17 Stunden pro Tag schuftet und dafür einen gesetzlich festgelegten Monatslohn von 4.310 Hongkong-Dollar (rund 520 Euro) bekommt. In Hongkong ist de la Rosa Billiglohnkraft, für ihr Heimatland Philippinen hingegen eine Gutverdienerin. Nur deshalb kam sie hierher.

Gut 320.000 ausländische Haushaltskräfte arbeiten in dem Sieben-Millionen-Stadtstaat an der chinesischen Südküste. Wie kaum ein anderer Flecken Erde profitiert Hongkong vom globalisierten Arbeitsmarkt für Hilfspersonal. Schließlich gibt es am Lieblingsort der Superreichen auch etliche Haushalte, die es sich leisten können: Rund 15.000 Multimillionäre mit einem Vermögen von zumindest zehn Millionen US-Dollar leben in Hongkong, mehr als in New York, London oder Moskau. Pro Kopf ist die Wirtschaftsleistung hier sogar etwas höher als die Deutschlands. Angesichts dieses Wohlstandsniveaus könnte man daher auch sagen: Kaum ein Ort ist so erfolgreich darin wie Hongkong, die überwiegend aus den Philippinen und Indonesien stammenden Frauen systematisch auszubeuten.

Selbst in einheimischen Medien wurde schon von "moderner Sklaverei" gesprochen. Nicht ohne Grund: Im "Global Slavery Index" der australischen NGO Walk Free Foundation landete Hongkong im vergangenen Jahr von 167 Ländern und Regionen auf dem für einen so reichen Ort erstaunlich hohen 32. Platz. In moderner Sklaverei befinden sich laut der Organisation solche Personen, die sich der ihr aufgetragenen Arbeit nicht verweigern können, da sie "durch Androhungen, Gewalt, Zwang, Machtmissbrauch oder Betrug behandelt werden wie Tiere auf einer Farm". Nach einer Untersuchung des lokalen Vereins Justice Centre Hong Kong, die auf 1.000 Interviews mit Hilfskräften basiert, lässt sich die Zahl derer, die zu Teilen ihrer Arbeit gezwungen werden, auf 55.000 hochrechnen. Mehr als jede sechste der Haushaltskräfte.

Vee de la Rosa kann mit dem Begriff Sklaverei zwar wenig anfangen, aber sie gesteht, dass sie vor zwei Jahren, als sie nach Hongkong kam, keine Ahnung von den Ausmaßen ihrer Arbeit hatte. "Mein Job ist anstrengend, aber immerhin ist meine Familie jetzt relativ nett", sagt die 31-jährige Filipina. Anfangs war de la Rosa, die ihren wahren Nachnamen aus Angst um ihren Job nicht nennen will, bei einer anderen Familie angestellt, die regelmäßig auch mitten in der Nacht Aufgaben für sie fand. "Ich musste rund um die Uhr auf das Baby achten und es beruhigen, wenn es schrie. Ich konnte nie richtig schlafen." Nach einigen Monaten verließ sie das Haus. Glücklicherweise konnte sie sich das erlauben, weil sie über eine Bekannte schon einen neuen Arbeitgeber gefunden hatte, der ihren vorigen Vertrag ablösen konnte. Seitdem arbeitet Vee de la Rosa eben nur noch 17 Stunden pro Tag, wenn auch ohne richtige Pause. Sie putzt die Klos, macht Brei für das Baby, die Mahlzeiten für die Familie. Und alles, was sonst noch von ihr verlangt wird. In den Verträgen sind keine genauen Grenzen markiert.

Fühlt sie sich nicht ausgebeutet? "Doch, schon", sagt sie, "aber hier verdiene ich besser als in den Philippinen." Dort war Vee de la Rosa in einer Textilfabrik beschäftigt, konnte vom Lohn so gut wie nichts zurücklegen. Heute kann sie, wenn sie sparsam ist, immerhin gut die Hälfte ihres Einkommens zu ihrer Familie daheim schicken. "Das Gute ist, dass ich hier nichts für Essen und Unterkunft ausgeben muss." Allerdings ist das zugleich das Schlechte: Sie schläft in einer Abstellkammer, die Tür immer einen Spalt auf. Es könnte ja doch sein, dass das Baby mal schreit.

Es sind Arbeitsbedingungen, die ein bisschen an die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts erinnern. Karl Marx’ Kollege Friedrich Engels analysierte damals Manchester und andere Städte und notierte in seinem viel beachteten Werk Zur Lage der arbeitenden Klasse in England: "Man gibt ihnen feuchte Wohnungen, Kellerlöcher, die von unten, oder Dachkammern, die von oben nicht wasserdicht sind. (...) Man gibt ihnen schlechte, zerlumpte oder zerlumpende Kleider und schlechte, verfälschte und schwerverdauliche Nahrungsmittel. (...) Man entzieht ihnen alle Genüsse (...), arbeitet sie dagegen täglich bis zur gänzlichen Abspannung aller geistigen und physischen Kräfte ab."

Im postindustriellen Hongkong, das vor allem von Finanzwesen und Handel lebt, wiederholt sich die Praxis seit den 1970er Jahren. Das Wirtschaftswachstum der damals britischen Kolonie erreichte zweistellige Raten. Weil viele Hongkonger nun wohlhabend genug waren, begann die Regierung mit der Anwerbung billiger Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern. Der Deal, dass heimische Familien für umgerechnet ein paar Hundert Euro pro Monat sowie Kost und Logis einen ausländischen Rund-um-die-Uhr-Assistenten anheuern könnten, wurde über die Jahre immer beliebter. Jeder achte Hongkonger Haushalt hat mittlerweile eine Haushaltskraft, unter Familien mit Kindern ist es sogar jeder dritte. Es sind nicht mehr nur die Superreichen, die sich den Komfort leisten.