Wenn Volkswagen-Chef Matthias Müller nächste Woche vor die Aktionäre tritt, wird die Bilanz noch immer durchzogen sein vom Dieselskandal. Der Konzern mag wieder Milliarden verdienen, doch die Investoren werden Fragen zu anderen Zahlen stellen: zu den über 20 Milliarden Dollar Schadensersatz in den USA, zu den 8,5 Millionen manipulierten Autos in Europa und zu den über 30 Konzernmanagern und -ingenieuren, gegen die Staatsanwaltschaften in aller Welt nach wie vor ermitteln.

Nicht weit von Müller entfernt wird eine Frau Platz nehmen, über die bislang so gut wie nichts bekannt ist. Und doch spielt sie die Schlüsselrolle bei der Frage, wie Volkswagen wieder sauber werden kann. Ihr Name: Hiltrud Werner.

Werner, 50, ist seit dem 1. Februar Vorstand für Integrität und Recht. Sie soll dafür sorgen, dass aus Regeln für 620.000 Mitarbeiter nicht nur Floskeln werden und sich so etwas wie der Dieselskandal nicht wiederholt. Eine wichtige Aufgabe. Ist Werner die richtige Frau für dieses Amt?

Als sie im März auf der Jahrespressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, antwortete sie auf eine Frage nach ihren persönlichen Werten nicht frei und in ihren eigenen Worten, sondern verlas ein knapp zweiminütiges Statement. Das klang dann unter anderem so: "Wir wissen alle, dass nachhaltiger Erfolg nur dann möglich ist, wenn Integrität die Grundlage unseres täglichen Tuns und Entscheidens ist." Ein Satz, der sich anhörte wie aus dem Textbaukasten der Pressestelle.

Noch vor zwei Jahren führte sie eine Truppe, die in ein Klassenzimmer gepasst hätte

Werner ist schon die zweite Frau auf diesem Posten. Christine Hohmann-Dennhardt war ihre Vorgängerin. Die ehemalige Verfassungsrichterin und erfahrene SPD-Politikerin schmiss im Januar entnervt hin. Hohmann-Dennhardt erkannte, dass die Eigentümer dem Leiter des Rechtswesens, Manfred Döss, tief vertrauten, sie hingegen in den ihr eigentlich zustehende Kompetenzen immer weiter beschnitten.

Was folgte, war die größte Personalüberraschung seit der Dieselkrise. Denn Werner war noch vor zwei Jahren, ehe sie zu Volkswagen kam, verantwortlich für eine Truppe, die in ein Klassenzimmer gepasst hätte. Heute soll sie einem Konzern Werte geben, der mehr Mitarbeiter hat als Dortmund Einwohner.

Werner kam 2016 zu Volkswagen und leitete dort zunächst die Konzernrevision. Diese Abteilung ist so etwas wie eine Effizienzmaschine. Ihre Mitarbeiter achten darauf, dass nicht mehrere Abteilungen das Gleiche machen oder dass Abteilungen keine Risiken eingehen, die dem Unternehmen gefährlich werden könnten. Revisoren sind verschwiegen, denn sie sammeln viele Geheimnisse über das Unternehmen.

Werner wirkt auf der Bühne unauffällig, trägt Halstuch und Hosenanzug. Sie redet mit einem leichten Dialekt, den man in Halle spricht. Dort hat sie Betriebswirtschaft studiert. Auch auf Nachfrage direkt im Anschluss an die Pressekonferenz ist ihr nichts Konkretes über ihre Pläne bei VW zu entlocken. Sie weicht aus, schaut umher und eilt schnellen Schrittes davon. Ein Interview will sie der ZEIT auch später nicht geben.