Pierre Eichenberger steht in seinem schummrigen Büro und zieht ein dünnes, weißes Buch aus dem Regal. "Sehen Sie", sagt er, "das ist das Ziel." In seiner Hand hält der junge Historiker Die reaktionäre Avantgarde von Hans Ulrich Jost. Ein Buch über den Aufstieg der neuen Rechten um 1900. Eine Zeit, in der sich viele Schweizer nach einer neuen, starken Ordnung sehnten. Erschienen ist es, kein Zufall, 1992, kurz bevor die SVP zu ihrem Höhenflug ansetzte.

Es war das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Bei Hans Ulrich Jost hat Pierre Eichenberger studiert, und die beiden Historiker sind voll des Lobes füreinander. "Er gefällt mir, weil er eine außergewöhnliche Dynamik in der Forschung an den Tag legt", sagt der Doyen der linken, kritischen Geschichtsschreibung über seinen jungen Kollegen. Dieser meint, freudig berührt, Jost sei "unglaublich", und greift nochmals ins Regal. Nun hält er einen roten Buchziegel in der Hand – seine Dissertation. "Sehen Sie", sagt Eichenberger, "damit habe ich gezeigt, dass ich es kann. Aber das hier, dieses kleine Buch, das ist das Ziel."

Dünn werden, gelesen werden, vielleicht sogar populär sein. Die wenigstens Uni-Historiker denken so – gerade in der Schweiz. Pierre Eichenberger ist anders. Der 33-jährige Welsche will, dass sich möglichst viele für seine Arbeit interessieren. Amateure wie Profis, Studenten wie Professoren.

"Große, abgehobene Ideen stehen für mich nicht im Zentrum", sagt er. Er ist ein Archivwurm, einer, der aus den Quellen erfahren will, wie es früher tatsächlich war – und damit er das auch in der Deutschschweiz tun konnte, besuchte er bereits als Student jeden Mittwoch eine Vorlesung an der Uni Bern. Sein Ziel: "Ich wollte die NZZ im Original lesen können."

Eichenberger brennt für seine Forschung, seinen Job als Oberassistent an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (FSW) der Uni Zürich. Auch für die Lehre: "Es macht mir sehr viel Spaß, mit Studis zu arbeiten."

Doch da gibt es ein kleines Problem: diesen roten Ziegel in seiner rechten Hand. Wer liest schon freiwillig fast 500 Seiten über die Geschichte der Ausgleichskassen der Schweizer Arbeitgeber – erst recht auf Französisch? Wer möchte sich Eichenbergers Mainmise sur l’état social ins eigene Bücherregal stellen? Außer Fachhistorikern und Institutsbibliothekaren.

Die Forschung interessierte sich vor allem für die Arbeiter – nicht für die Patrons

"Gehen wir in den Garten, wir können dort freier diskutieren", sagt Eichenberger, als er uns zwei Kaffees aus der Maschine lässt. Es ist ein lauer Morgen im Vorfrühling. Der junge Historiker, Brille, Hemd, Turnschuhe, schlüpft in seine Outdoor-Jacke und geht voraus in den Hinterhof.

Es war im Winter vor sieben Jahren. Pierre Eichenberger saß mit seinem Historiker-Kollegen Matthieu Leimgruber zusammen, der heute sein Chef ist. Drei Sätze habe er sich in seinem Notizbuch notiert, erzählt er: "Sujet rocailleux. Suivre l’argent. Faire l’histoire des patrons!" – "Steiniges Thema. Folge dem Geld. Schreib die Geschichte der Arbeitgeber!"

Für linke Historiker waren die Wirtschaftsverbände lange tabu, sie widmeten sich lieber ihren eigenen geistigen Wurzeln: der Arbeiterbewegung oder den Gewerkschaften. Den bürgerlichen Historikern hingegen passten die Verbände nicht ins eigene Weltbild. Wenn der Markt alles regelt, wofür braucht es diese Bürokraten?

"Wenn irgendwo so viel Geld fließt, dann ist das wichtig"

Dazu kam, dass die Verbände selber die Öffentlichkeit scheuten. "Unser Einfluss in Bern ist stärker, wenn wir im Schatten bleiben und man nicht allzu viel über uns spricht", schrieb der Vorort-Sekretär Gerhard Winterberger 1963 in einem internen Memo. Sie mochten es nicht, wenn Fremde in ihren Archiven herumschnüffelten, erst recht keine Historiker, vermutlich noch Sozis und Spontis, die einen kritischen Blick auf ihr Tun werfen könnten. In den 1980er Jahren, erzählt Eichenberger, habe es der welsche Historiker Sébastien Guex dennoch versucht. Er wollte eine Dissertation über den Arbeitgeberverband schreiben und musste das Experiment bereits nach einem Tag abbrechen. Der damalige Direktor spaßte nicht, als er sagte: Die Akten könnten nur unter seiner Aufsicht durchgeschaut werden, das hieß: am Katzentischchen im Direktorenbüro.

Tempi passati. Pierre Eichenberger musste bei seinen Recherchen zwar die interessierte Neugier von Verbandsdirektoren befriedigen, die – ganz zufällig – genau dann in den Keller stiegen, als der Historiker dort im Archiv arbeitete. Aber über die Schultern schaute ihm niemand; und wichtige Dokumente wurden ihm auch nicht vorenthalten.

Aber eben: Wieso wählte Eichenberger ausgerechnet die Ausgleichskassen für seine erste große Forschungsarbeit? "Wenn irgendwo so viel Geld fließt, dann ist das wichtig", sagt er. Das hat ihn sein Doktorvater Thomas David gelehrt, der in Lausanne am Swiss Elite Observatory seit Jahren die Schweizer Machtzirkel durchmisst.

Die Ausgleichskassen zahlen ihren Mitglieder die AHV-, die IV-Rente oder den Erwerbsersatz, wenn sie im Militär beziehungsweise im Mutterschaftsurlaub sind. Sie existieren seit den späten 1930er Jahren, als Arbeitgeber ihren Mitarbeitern zwar keine Lohnerhöhung, dafür eine Familienzulage zahlen wollten. Die Absicht war klar: Nicht der Staat, nicht die Gewerkschaften sollten sich um die Arbeiter kümmern, sondern die Patrons. Mit den Ausgleichskassen ihrer Verbände war ihnen nicht nur der Mitarbeiter-Goodwill sicher, sondern sie kontrollierten damit auch den administrativen Apparat, die Beiträge und Leistungen. "Die Arbeitgeber hatten damit Zugriff zu wichtigen Ressourcen", sagt Eichenberger. Das erkläre, warum die Verbände in der Schweiz stetig größer und mächtiger wurden.

Raus aus den Theoriewolken, runter ins Leben

An die Uni Zürich kam Eichenberger zusammen mit Matthieu Leimgruber. Beide haben sie bei Hans Ulrich Jost in Lausanne studiert. Als Leimgruber an die FSW berufen wurde, war man im lokalen Historiker-Milieu überrascht. Jakob Tanner, sein emeritierter Vorgänger, war eine nationale Größe, wissenschaftlich wie politisch. Er forschte und mischte sich ein und prägte eine ganze Generation von Geschichtsforschern. Ihm also sollten der junge Leimgruber und seine Kompagnons folgten? Nun denn.

Heute belächelte niemand mehr die Lausanne-Connection. Die Seminare und Kolloquien der Welschen sind übervoll. Ihr Erfolgsrezept: Sie holten die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wieder zurück aus den Theoriewolken, runter ins Leben. Sie stellen die alten, aber noch immer heißen Fragen: nach der Macht und nach dem Geld.

Altbacken ist das nicht. Eichenberger und Leimgruber betreiben keine Retro-Forschung. Die Geschichte der Minderheiten, der Vergessenen, der anderen, die postkoloniale, postmoderne oder feministische Theorie, sie fließen in ihre Arbeiten ein.

So wie kürzlich, als Eichenberger in der Villa Langmatt in Baden war. Das Haus hatte sich der BBC-Ingenieur Sidney Brown erbaut, heute ist es ein Museum. Doch der Historiker interessierte sich nicht für die Bilder von Cézanne oder Gaugin, ein Tischtuch weckte seine Aufmerksamkeit. Die frühere Hausherrin hatte die Unterschriften all ihrer Gäste in den Stoff sticken lassen. "Das ist der Filz von Baden." Und weil er schon mal da war, fragte Eichenberger, ob er sich mal das Tagebuch dieser Jenny Brown-Sulzer anschauen dürfe. Siehe da: Die Frau hegte ausgeklügelte Pläne, wen man in der guten Gesellschaft am besten mit wem verkuppeln könnte.

Hinter jedem starken Mann steckt eine noch stärkere Frau. Gerade in der Schweiz. "Auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann ist ein Schneider und kein Ammann". Also ein Eingeheirateter.

Vielleicht wird daraus das richtige Buch zur richtigen Zeit.