Das Geschäft mit der Angst beginnt an einem Ort, der weniger bedrohlich nicht sein könnte. Junge Pärchen schieben sich auf dem Hamburger Messegelände durch die Gänge von Halle B6: werdende Mütter mit Babybauch, junge Väter mit Kinderwagen. Die Babywelt hat ihre Tore geöffnet, Deutschlands größte Ausstellung rund ums Kind. Im vergangenen Jahr lockte sie in sieben Städten insgesamt 100.000 Besucher an.

Messedamen reichen quadratisch geschnittenes Dinkelvollkornbrot mit veganem Brotaufstrich, dazu Kokosmilchdrinks. Es gibt eine "Still-Lounge", eine "Wickel-Oase" und eine "Fütter-Bar" mit Fläschchenwärmer und Gratis-Biobrei.

Ich bin zu diesem Zeitpunkt selbst im siebten Monat schwanger, und wie ich so durch die luftballonleichte Babywelt streife, bekomme ich eine Ahnung, welcher milliardenschwere Markt sich um das Elternwerden aufgetan hat: Baby-Overalls für 150 Euro und Kinderwagen für 1.500 Euro. Hier begegne ich auch jener Industrie, die aus der Verunsicherung von Müttern und Vätern Kapital schlägt. Die Branche kalkuliert die Liebe der Eltern in ihre Geschäfte ein – und verdient viel Geld mit deren Ängsten.

Das wird mir klar, als ein Vertreter der Firma Vital Innovations ein babyfußgroßes Gerät unter meine Nase hält. "Das ist der Snuza Hero. Man klemmt ihn einfach an die Windel dran", erklärt mir der Mann. Und dann? "Kontrolliert er die Atmung Ihres Babys. Wenn es innerhalb von 15 Sekunden nicht atmet, vibriert er. Nach weiteren fünf Sekunden ertönt ein schriller Alarmton. Den hören Sie im ganzen Haus." Und wozu? Der Apparat sei mehr für die Mutter als für das Kind gedacht, räumt der Verkäufer ein: "Damit Sie wieder beruhigt schlafen können." Und weil ich offenbar nicht überzeugt aussehe, holt er zum Schlag aus: "Der Snuza kann den plötzlichen Kindstod verhindern. Er hat schon einigen Babys das Leben gerettet." Kosten: 109,95 Euro.

Dem Geschäft mit der Angst begegne ich ein paar Stände weiter schon wieder: Ein Mitarbeiter der Firma Gesslein wirbt dort für "den ersten Schlafsack mit intelligenter Temperaturregulierung". Das Spezialvlies stamme aus der Weltraumforschung, die Nasa verwende dasselbe Material, erzählt er stolz. "Sehen Sie diese Waben hier? Da sind spezielle Kügelchen drin: Die kühlen und wärmen zugleich. So bleibt die Körpertemperatur Ihres Babys immer konstant." Das sei wichtig, denn "beim Schlaf zu überhitzen ist das Hauptrisiko des plötzlichen Kindstods". Den Schlafsack, aus dem jeder Säugling schnell herausgewachsen ist, gibt es mit Schäfchen, Eulen oder Sternen – für bis zu 129,99 Euro das Stück.

Beim Aussteller BabyOne könnte ich noch ein Babyphone der Marke Angelcare erwerben: Damit würde ich mein Kind im Schlaf nicht nur hören, ich könnte es dank einer Videokamera mit Nachtsichtmodus auch vom Sofa aus überwachen. Die mit Sensoren ausgestatteten Matten unter der Matratze schlagen Alarm, wenn die Atmung aussetzt. Ein "Schutzengel im Kinderzimmer" für 289,99 Euro.

Atemstillstand, Überhitzung, plötzlicher Kindstod – mit solchen Schlagworten schüren die Aussteller gezielt Panik bei den Eltern. Denn nur wer Angst hat, gibt Geld für Produkte aus, die vermeintliche Sicherheit versprechen. Während das Risiko für ein Neugeborenes, in den ersten Lebensmonaten am plötzlichen Kindstod zu sterben, bei uns seit Anfang der neunziger Jahre um 90 Prozent sank, wächst die Furcht vor diesem Schicksalsschlag ins Unermessliche. Im Jahr 1991 fielen dem Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) noch 1285 Kinder zum Opfer, zuletzt waren es 127. Eltern wissen heute, dass sie in der Wohnung nicht rauchen, das Kind nicht zu heiß einpacken und es zum Schlafen nicht auf den Bauch legen sollen. Das gilt als halbwegs gesichert. Alles, was noch dazukommt, ist ziemlicher Hokuspokus.