Für die drei letzten Tage vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein an diesem Sonntag, an der viele Grüne schon das Schicksal der Partei hängen sehen, hat sich Robert Habeck etwas Lautes ausgedacht: "Woodstock" nennt es der grüne Umweltminister. Mit Gitarren, Isomatten, Bier und Erbsensuppe soll in Borgwedel am Ostseefjord Schlei grüne Lebensfreude verströmt werden. Versprochen ist: Der Minister wird unrasiert sein und nach Rauch riechen. Viel Parteijugend wird kommen, und Kanu fahren kann man auch. Eingeladen sind ausdrücklich "alle Grünen-Mitglieder aus dem Rest der Republik". Das haben sich die Bundesvorsitzende Simone Peter und die Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt nicht zweimal sagen lassen und prompt zugesagt. Beiden wurde allerdings gleich signalisiert: keine Reden! Sie dürfen Erbsensuppe essen und Flyer verteilen, viel mehr aber auch nicht.

Noch nie hat ein grüner Landesverband sich in einem Superwahljahr dermaßen hart und unverblümt von der Bundespartei distanziert wie der schleswig-holsteinische unter seinen Spitzenkandidaten Monika Heinold, der Finanzministerin, und Robert Habeck – dem Mann, dem im Januar ganze 75 Stimmen fehlten, um statt Cem Özdemir die Grünen in den Bundestagswahlkampf zu führen.

Die schleswig-holsteinische Abgrenzungsorgie von der Bundespartei ging so weit, dass Göring-Eckardt bei einem Landesparteitag in Kiel, zu dem sie im Februar unangekündigt angereist war, mutterseelenallein an einer Säule im Saal stehen gelassen wurde, mit entsprechenden Bildern in den Tagesthemen.

In einem Moment, in dem die Grünen um ihre parlamentarische Existenz im Bundestag bangen müssen, sucht ihr nördlichster Landesverband sein Heil in der Abschottung – und hat damit Erfolg. Während die Partei laut aktuellen Umfragen auf Bundesebene bei gerade mal sechs Prozent liegt, kommt sie in Schleswig-Holstein auf stolze zwölf Prozent. Die Botschaft – "Wir machen hier unser eigenes Ding" – scheint also zu funktionieren. Aber was ist "unser eigenes Ding"? Was muss man anders machen als die Bundespartei, wenn man grün und erfolgreich zugleich sein will?

Hier kommt, ohne dass es einer explizit ausspricht, der von Robert Habeck besungene "linke Patriotismus" ins Spiel: Schon der Wahlkampfspot seiner Grünen strotzt nur so vor Liebeserklärungen an die Küsten Schleswig-Holsteins, an die Bauern, die Wiesen, die Kühe, die Flensburger Cafés und auch an die Flüchtlinge, die man aufgenommen hat. Ein fettes rosa Herz pocht dem Zuschauer entgegen. Die Bundespartei ist in diesem Augenblick ganz weit weg.

Ein paar Hundert Kilometer weiter südwestlich, in Nordrhein-Westfalen, ist man selbstverständlich auch patriotisch, die grüne Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann etwa sagt: "Ich bin aufgewachsen in Essen-Bergeborbeck in der Nähe einer Zinkhütte. Da war es laut, lebhaft, schmutzig, aber immer herzlich." Doch anders als im Norden kann man in Nordrhein-Westfalen gar nicht genug Besuch aus Berlin bekommen. "Cem Özdemir war ständig hier, auch um sich mit AKP-Leuten zu streiten. Wir wären doch blöd gewesen, darauf zu verzichten", findet Sven Lehmann, der Landesvorsitzende der Grünen. Auch Lehmann steckt mitten im Wahlkampf, eine Woche nach der Wahl in Schleswig-Holstein, am 14. Mai, wird auch in Nordrhein-Westfalen über einen neuen Landtag abgestimmt.

Rot-Grün tief im Westen ist aber ein völlig anderes Bündnis als dasjenige hoch im Norden. Das liegt natürlich auch am Koalitionspartner. Die SPD in Schleswig-Holstein ist bis heute die Engholm-SPD geblieben: vergrübelt, mittelständisch, links. Die NRW-SPD ist noch immer aus Beton und Kohle und stolz darauf. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, so erzählen die Grünen mit bitterer Abgeklärtheit, "gönnt uns nicht das Schwarze unter den Fingernägeln, die ist sofort bereit, die Grünen zu opfern".

Kraft, deren Partei derzeit in Umfragen nur knapp vor der CDU liegt, agiere quasi jetzt schon "großkoalitionär", speziell in der Innenpolitik. Während der schleswig-holsteinische SPD-Ministerpräsident Torsten Albig in der Flüchtlingsfrage eine Rhetorik an den Tag legt, die sich Grüne eher verkneifen würden ("Tinte aus dem Gefrierschrank" hatte er über den Kompromiss zu sicheren Herkunftsländern gesagt), bemüht sich Krafts Innenminister Ralf Jäger um ein Hardliner-Image, auch wenn dieses unter der Affäre um den Terroristen Anis Amri erheblich gelitten hat. Aus Schleswig-Holstein wird kein afghanischer Flüchtling mehr abgeschoben. Anderswo würde das den Grünen schaden – im Norden nutzt es ihnen.

Die letzten Umfragen

In Schleswig-Holstein wird am 7. Mai gewählt, in Nordrhein-Westfalen eine Woche später

Quelle: Infratest dimap, Auftraggeber: ARD, 1003 Befragte, 27. 4. 2017 © ZEIT-Grafik

Quelle: Forsa, Auftraggeber: KStA, Express, 1003 Befragte, 28. 4. 2017 © ZEIT-Grafik

Im Malocherland Nordrhein-Westfalen stehen die Grünen grundsätzlich unter Latte-macchiato-Verdacht und werden verachtet als Kinder des Bürgertums, die keine Ahnung von den Bedürfnissen der Bergarbeiter haben. Wenn man die Grünen nach ihrem größten Triumph fragt, dann war es die Verminderung des Braunkohleabbaus in Garzweiler II. "Wenn wir für den Ausstieg aus der Kohle kämpfen, baut die SPD direkt einen Schutzzaun um die Großindustrien. Als würde man so die Interessen der Arbeiter wahren. Das Gegenteil ist aber der Fall", erzählt Mona Neubaur, die grüne Landesvorsitzende.

In Kiel ist die Rollenverteilung innerhalb der Koalition eine vollkommen andere. Dort ist es der als technokratisch geltende SPD-Ministerpräsident Torsten Albig, der seine Trennung von Frau und Kindern, eine neue Partnerin und sein Heilfasten öffentlich macht – während die Stabilität der Vier-Kinder-Vorzeigefamilie von Robert Habeck so bekannt ist, dass sogar Witze über die Schwierigkeit ehelicher Verhandlungen ("Erzählen Sie das mal meiner Frau!") vor größerem Publikum auf fruchtbaren Boden fallen. Im rot-grünen Bündnis Nordrhein-Westfalens sind die Grünen die Linken, in Schleswig-Holstein dagegen fühlen sie sich gegenüber den Sozialdemokraten als die besseren Patrioten.

In Nordrhein-Westfalen kann man sehen, wie eng der Korridor ist, der den Grünen bleibt, wenn sie sich hauptsächlich als links sehen – als Linke zumal, die sich schon aus historischen Gründen auf der richtigen Seite wähnen. Ein Wahlkampf-Termin Mitte April, der ihrer Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann besonders wichtig gewesen ist, war ein Besuch in der Gedenkstätte Düsseldorf mit ihrer staatlich geförderten Dauerausstellung über Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus. Löhrmann möchte ihr derzeitiges Amt als Bildungsministerin, ja, im Grunde die ganze Ausrichtung grüner Politik, aus dieser Erinnerung verstanden wissen. Von "Unserem neuen deutschen Wir" bis hin zu ihrer Inklusionspolitik an Schulen – alles soll sich letztlich am historischen Tiefpunkt deutscher Geschichte spiegeln und legitimieren und nicht in erster Linie an Effizienz und Erfolg in der Gegenwart.

Während des Rundgangs erzählt Löhrmann von einem Zwölfjährigen, der ihr nach einer Unterrichtseinheit über Euthanasie gesagt habe: "Ich bin froh, dass wir jetzt inklusiv sind." Mit Genugtuung schaut Löhrmann, früher selbst Lehrerin für Deutsch und Englisch, in die Runde und sagt: "Wenn ich so einen Zwölfjährigen habe, da nehme ich doch gern den einen oder anderen Lehrerprotest in Kauf."