Es beginnt mit dem Drang, das Gewicht vom rechten auf den linken Fuß zu verlagern und umgekehrt. Dann kommt ein leichtes Drücken im Bauch hinzu, das nach kurzer Zeit über den Brustkorb in den Kopf wandert, wo es sich dann anfühlt wie ein zu straff gespannter Luftballon. Spätestens jetzt wäre der richtige Moment, um den Mund aufzumachen, diesem Idioten an der Supermarktkasse zu sagen, dass ich ihn rücksichtslos finde, weil er erst in aufreizender Langsamkeit seine Waren in den Rucksack packt, ehe er sich bequemt, sein Portemonnaie aus dem vorderen Reißverschlussfach herauszufummeln und endlich zu bezahlen. Allerdings weiß ich, dass man dann mich schief ansehen würde und nicht meinen trödelnden Vordermann.

Es ist ein Gefühl, das ich häufiger habe: Ich bin ungeduldig, das ist nichts Besonderes. Niemand steht gerne Schlange oder im Stau, keiner freut sich auf die sinnlose Zeit, die im Wartezimmer oder am Telefon in der Warteschleife vergeht. Auch mit meiner Abneigung gegen langatmige Präsentationen und träge Kellner bin ich nicht allein. Trotzdem wird immer wieder so getan, als sei Ungeduld etwas Abnormes, Verwerfliches, etwas, was man dringend loswerden muss, weil es von Unreife und Jähzorn zeugt.

Geduld dagegen assoziiert man gemeinhin mit Gelassenheit und Souveränität. Sie gilt als christliche Tugend, als buddhistische Weisheit, als Nonplusultra eines selbstbestimmten, ja besseren Lebens. Der Markt, der die Geduld lehrt, boomt. Es gibt Seminare und Kurse zum Erlernen von Achtsamkeit und Entschleunigung. Jede Menge Bücher zum Thema werden geschrieben, auch das Internet steckt voller Tipps, wie der Ungeduldige lernen kann, sein angebliches Laster zu bekämpfen.

Im Netz stoße ich auf jede Menge Untersuchungen, die belegen sollen, dass ungeduldige Menschen zu Fettleibigkeit und Alkoholsucht neigen, dass sie weniger intelligent sind als die Geduldigen. In einer Langzeitstudie in Neuseeland wollen Forscher beobachtet haben, dass geduldigere Schüler im Schnitt einen besseren Schulabschluss machen. Forscher aus Singapur haben unterdessen herausgefunden, dass Menschen, die ungeduldig sind, schneller altern. Na und? Die müssen ja auch gar nicht so lange leben, weil sich ihre Wünsche und Bedürfnisse viel schneller erfüllen als die der Genügsamen.

Die Behauptung, der Geduldige lebe gesünder, weil er sich nicht stressen lässt, überzeugt mich nicht. Mit demselben Argument ließe sich schließlich auch Faulheit zum Lebensideal erheben. Ich hingegen bringe mit meinen Sprints zur Straßenbahn regelmäßig meinen Kreislauf in Schwung. Kurz vor dem Kollaps, aber glücklich sitze ich anschließend drin, während die Gemächlichen an der Haltestelle auf die nächste Bahn warten müssen und ihre Köpfe über stumpfe Smartphone-Spielchen beugen. Gesünder sieht das nicht aus.

Völlig abwegig erscheint es mir auch, wenn Geduldige als Genießer bezeichnet werden. Dabei weiß doch jeder, dass heißes Essen besser schmeckt als lauwarmes und Champagner nur knackig kalt perfekt ist.

Wozu soll es also gut sein, auf etwas zu warten? Die Antworten sind meist denkbar schwammig. Der Kluge wartet ab, heißt es, weil das Gute schon irgendwann von selbst zu ihm kommt. Er reflektiert, statt im Affekt nur zu reagieren. Weil er gelernt hat, seine Reflexe zu kontrollieren. Mag sein. Ich plädiere ja auch nicht dafür, sich als Erster mit ausgefahrenen Ellbogen aufs Buffet zu stürzen. Ich will nur, dass es eröffnet wird, bevor die langatmigen Reden gehalten werden. Denn wer satt und zufrieden ist, kann nicht nur besser zuhören. Es gelingt ihm auch leichter, wohlwollend über ungelenke Formulierungen und zähe Zahlenkolonnen hinwegzulächeln. Er ist ein besserer Mensch.

Folgte man dem Marshmallow-Test, wäre dieser bessere Mensch allerdings ein ziemlicher Versager. Die Langzeitstudie, die bereits 1968 durchgeführt wurde, basiert auf folgender Versuchsanordnung: Kinder zwischen drei und fünf Jahren werden vor die Wahl gestellt, entweder sofort eine Süßigkeit zu essen oder auch noch eine zweite als Belohnung zu bekommen, wenn sie die erste 15 Minuten lang unangetastet lassen. Die Kinder, die warten, so das Ergebnis, sind im späteren Leben erfolgreicher und selbstbewusster als die anderen. Sie konsumieren seltener Drogen und haben stabilere Beziehungen. Aber was ist, wenn die vermeintlich geduldigen Kinder die Süßigkeit nur deshalb haben liegen lassen, weil sie obrigkeitshörig waren und taten, was andere von ihnen erwarteten?

In den allermeisten Fällen basiert die Karriere von Topmanagern, Vorstandsmitgliedern oder Filmstars jedenfalls nicht darauf, dass sie sich im Leben immer geduldig hinten angestellt haben. Alphatiere warten nicht, sie greifen zu. Man könnte auch sagen: Sie sind ungeduldig.