Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Der Igeleffekt ist wieder eingetreten. Ein Innenminister stellt probeweise ein paar Thesen zur Leitkultur auf, und schon sind da lauter aufgestellte Stacheln.

Vielleicht ist die Abwehrhaltung dem Thema geschuldet, weil die Frage, welche gesellschaftlichen Minimalstandards es für ein friedliches Zusammenleben einer pluralen Gesellschaft braucht, so einfach nicht zu beantworten ist. Es geht nämlich um Selbstverständlichkeiten, die keine mehr sind. Möglich, dass die Debatte schon Teil der Leitkultur ist. Eine Suchbewegung, die sich selber ernst nimmt.

Die Lieblingsantwort der Igel: Wir haben doch eine Verfassung. Nur ist unsere Verfassung kein Tugendkatalog und auch kein Spiegel von Verhaltensregeln im Alltag. Leitkultur – oder Leitkulturdebatten – beginnt, wo der Verfassungstext endet. Eine Verfassung ist dazu da, bürgerliche Freiheiten zu schützen und Staatshandeln zu legitimieren. Sie bildet den rechtlichen Rahmen für das politische Gemeinwesen und ist selbstverständlich auch kulturell imprägniert. Nur was heißt das? Wer sich mit Geflüchteten unterhält, der stellt fest, dass die Neugier auf die ungeschriebenen Regeln und Traditionen groß ist, nach Begrüßungsregeln und Familienprotokoll, nach einem Kanon der wichtigsten Gedichte oder den erstaunlichsten und schrecklichsten Ereignissen in der deutschen Geschichte, aber auch nach ganz Alltäglichem. Schuhe an? Schuhe aus? Was macht ihr an Weihnachten? Warum ist es am Sonntag so still, wenn ihr gar nicht in den Kirchen seid? Wer die, die in Deutschland eine Heimat finden wollen, mit dem Grundgesetz allein lässt, ist nicht großzügig und offen. Er igelt sich ein und lässt die, die dabei sein wollen, draußen.