Wie oft eigentlich noch wollen die Deutschen diese Debatte ums Deutschsein aufführen? Seit zwanzig Jahren geht es so: Ein Konservativer fordert eine "Leitkultur", und Linke brüllen ihn nieder. Warum? Weil beide Seiten hartnäckig nichts dazulernen. Wann endlich werden die einen begreifen, dass der Begriff der Leitkultur für das, was sie meinen, der falsche ist? Und wann endlich werden die anderen verstehen, dass es herrlich viel einfacher ist und keinen Mut erfordert, sich an diesem falschen Begriff (oder an einer Karikatur davon) abzuarbeiten als an der Idee dahinter?

Was Bundesinnenminister Thomas de Maizière gerade in der Bild am Sonntag unter der Überschrift Wir sind nicht Burka vorgeschlagen hat, ist kein Benimmkatalog, sondern eine Selbstbesinnung darüber, welche Werte und Identitätsmerkmale ein Land vermitteln und verteidigen möchte. Eine solche gedankliche Übung ist nie verkehrt. Besonders willkommen sollte sie aber in einer Zeit sein, in der nicht nur eine Million Migranten und Flüchtlinge aus zum Teil dramatisch rückständigen Weltregionen zuwandert, sondern in der sich auch viele Deutsche von bisher sicher geglaubten gesellschaftlichen Standards abwenden.

Die innere Integration von Zuwanderern wurde zu lange nicht gefordert

Der auch nun wieder allenthalben zu hörende Hinweis, das Grundgesetz sei die deutsche Leitkultur, ist ähnlich naiv wie die Annahme, der Staat könne irgendjemandem eine Kultur aufzwingen. Es gilt etwas zu verteidigen, das mehr ist als der Rechtekatalog des Grundgesetzes. Die deutsche Verfassung ist selbst Produkt einer Kultur, genauer: von teils hart erkämpften, teils genial erdachten, teils aus Katastrophen geborenen zivilisatorischen Errungenschaften. "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann", hat der Rechtsphilosoph und Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde 1976 richtig formuliert.

De Maizière zählt zu diesen Voraussetzungen das geschlechtsunabhängige Händeschütteln ebenso wie ein gewisses Arbeitsethos und die Westbindung. Man kann einige der Vorschläge des CDU-Mannes als allzu boulevardgerecht bespötteln. Das macht aber seine Suchrichtung nicht falsch: Welches sind die Grundnormen dieser Gesellschaft, jene Werte und Überzeugungen, die eine so kostbare Verfassung wie das Grundgesetz erst entstehen und dann weiter haben wachsen lassen?

Geraten diese Überzeugungen bei denen, die hier ankommen, nicht ins Bewusstsein oder bei denen, die schon hier leben, in Vergessenheit, dann sieht die Verfassung zwar immer noch glänzend aus, droht aber zum schönen Schein zu werden. Für viele Deutschtürken, die gerade geholfen haben, ihr Herkunftsland mit einer Autokratie zu beglücken, ist die deutsche Demokratie offenbar vor allem etwas, von dem man gerne profitiert. Es macht aber einen himmelweiten Unterschied, ob man Rechte und Freiheiten bloß genießt oder ob man von ihrer inhärenten Richtigkeit überzeugt ist, und zwar für jeden, ob Frau oder Mann, ob Muslim oder Islamkritiker, ob Jude oder Christ. Zu lange wurde diese innere Integration weder gefordert, noch wurde zu ihr ermutigt. Das Einwanderungsland Deutschland sollte aus vergangenen Fehlern lernen.

So richtig die Willkommenskultur für Verfolgte ist, so unbestreitbar ist, dass der aufgeklärte, liberale Säkularismus mit Zuwanderern aus bestimmten muslimischen Ländern Konkurrenz bekommt. Laut dem anerkannten Pew Research Center würden es 99 Prozent aller Afghanen begrüßen, wenn die Scharia in ihrem Land das offizielle Recht würde. Im Irak sagen dies 91 Prozent, in Marokko 83 und in Ägypten 74. Die Pflicht von hundert Prozent der Deutschen ist es, ihnen zu sagen, dass dies hierzulande unakzeptabel ist.

Nur, zum Erbe der Aufklärung gehört auch, andere nicht leiten, sondern sie überzeugen zu wollen. Eine Leitkultur haben eher Lemminge. Mit der deutschen (Ideen-)Geschichte im Gepäck ist es ebenso nötig wie möglich, intelligenter für den strikten Vorrang weltlichen Rechts vor religiösen Geboten zu werben, für Glaubens- und Gewissensfreiheit und für Gleichberechtigung. Ein schöner Nebeneffekt wäre, manch Deutscher würde dabei seinen Sinn für Zivilität schärfen. Was zum Beispiel schadet diesem Land in letzter Zeit mehr: ein paar Burka-Trägerinnen auf der Straße oder all die gesichtslosen Geiferer auf Twitter, die sich für besonders deutsch halten und dabei jeder Kultur spotten?

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