Als Kind eines bekannten Vaters hat man es nicht leicht. Besonders wenn man sich für denselben Beruf entschieden hat wie der illustre Erzeuger. So wie Manuel Karasek, der Sohn des vor zwei Jahren in Hamburg verstorbenen Literaturkritikers Hellmuth Karasek. Auch er widmet sein Leben den Büchern, als Kritiker und Autor. Mit Mirabels Entscheidung legt er nach einem Band mit Erzählungen nun seinen ersten Roman vor.

Manuel Karasek erzählt darin die Geschichte der Venezolanerin Mirabel Mendoza, die zusammen mit sieben Geschwistern in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen aufwächst. Kaum volljährig, wird sie von ihrer Familie nach Deutschland geschickt. Ihr Auftrag: Sie soll sich dort einen vermögenden Mann angeln. Das klappt allerdings nicht so richtig, denn die ehemalige Schönheitskönigin lässt sich von dem mittellosen Deutschlehrer Hanns Torzek schwängern. Sie heiraten, und die bald zweifache Mutter lebt – bis zur titelgebenden Entscheidung, ihren Mann zu verlassen und mit ihren Söhnen nach Venezuela zurückzukehren – das Leben einer Hausfrau in der Hamburger Vorstadt. Ihr Mann jedoch macht bei einem Nachrichtenmagazin Karriere.

Das Buch trägt deutlich biografische Züge, denn auch Hellmuth Karasek verdingte sich zunächst als Deutschlehrer, bis er zum Kulturchef des Spiegel aufstieg. Wie im Buch stammte seine erste Frau aus Venezuela, wie im Buch hielt die Ehe nicht. Wer nun aber die Abrechnung eines von Minderwertigkeitskomplexen zermürbten Sohnes mit seinem abwesenden Vater erwartet, wird enttäuscht. Dafür schreibt Manuel Karasek viel zu distanziert. Er nimmt die Perspektive von Mirabels Sohn Javier ein, der schon als Kind kühl das Verhalten seiner Eltern beobachtet. Die Mutter? Vergnügungssüchtig. Der Vater? Eitel und ichbezogen. Emotionen? Fehlanzeige.

Die Abwesenheit von Gefühlen ist zugleich Stärke und Schwäche dieses Romans. Stärke deshalb, weil sie das Motiv der Fremdheit betont, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Beide, Mutter wie Sohn, sind und bleiben Außenseiter. Weder in Deutschland noch in Venezuela gehören sie richtig dazu.

Javier hat kaum Freunde, in der Schule tut er sich schwer, der Stoff interessiert ihn einfach nicht: "Das Lehrmaterial verwandelte sich nicht in etwas Sinnliches, sondern blieb abstrakt, fern vom täglichen Leben." Dieser Satz lässt sich auf den ganzen Roman anwenden: Das interessante Gedankenmaterial, die genauen psychologischen Beobachtungen menschlichen Verhaltens, die Manuel Karasek in Mirabels Entscheidung zusammengetragen hat, verbinden sich nicht zu einer sinnlichen Einheit. Den Figuren fehlt es an Lebendigkeit, über weite Strecken liest sich das Buch wie ein Referat.

Der Autor lässt einen einfach nicht eintauchen in seine Familiengeschichte, man bleibt als distanzierter Beobachter außen vor. Aber wer weiß, vielleicht ist dieser Effekt ja gewollt. In der Familie Mendoza/Karasek jedenfalls scheint so ein Umgang mit Emotionen üblich gewesen zu sein. Wie heißt es im Buch? "Gefühle waren eine Investition, die vor allem die Ressource Zeit in Anspruch nahm."

Manuel Karasek: Mirabels Entscheidung, Verbrecher Verlag, Berlin 2017; 260 S., 24,– €