Im Frühjahr 2006 kauft Michael W. eine Prepaidkarte, um den Priester Otmar M. telefonisch anzuzeigen. W. will unerkannt bleiben, er hat Angst. Was, wenn am Ende Aussage gegen Aussage steht? Wenn sich das Blatt wendet und der Pfarrer ihn wegen Rufmords anzeigt und er, das Opfer, als Täter dasteht? Michael W. wählt die Nummer der Pressestelle des Landeskriminalamtes in Saarbrücken. Am Telefon beschuldigt er Priester Otmar M., ihn seit 1998 mehrfach sexuell belästigt zu haben. Er erzählt seine ganze Geschichte, nennt Orte, Namen, kommt ins Reden – und verplappert sich. Sein Plan, anonym zu bleiben, geht schief. Die Frau am Telefon versichert ihm, die Zuständigen zu informieren. Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren gegen Pfarrer M. ein. Wenige Monate später wird das Verfahren wegen Verjährung eingestellt.

Sieben weitere Male ist Pfarrer M. seitdem bei der Staatsanwaltschaft angezeigt worden, zweimal vom Bistum Trier selbst. Die Vorwürfe reichen von illegalem Waffenbesitz bis zum schweren sexuellen Missbrauch einer Grundschülerin. Zu einer Anklage ist es nie gekommen. Alle Verfahren wurden inzwischen von der Staatsanwaltschaft Saarbrücken eingestellt – das letzte Anfang April 2017 –, weil entweder die mutmaßliche Tat zu lange zurück lag oder der Anfangsverdacht keine Anklage rechtfertigte oder die Staatsanwaltschaft eine Verurteilung für unwahrscheinlich hielt. Kirchenintern dauern die Ermittlungen noch an.

Der Fall ist heikel für die Kirche: Kann ein Pfarrer, der mehrmals wegen Missbrauchs angezeigt wurde, weiterhin unbehelligt das Priesteramt ausüben, unterrichten und mit Jugendlichen in den Urlaub fahren? Die Verantwortlichen hatten in all den Jahren keine juristische Handhabe gegen Pfarrer M., er wurde nie angeklagt, geschweige denn verurteilt. Die Kirche muss von seiner Unschuld ausgehen – nach wie vor.

Umso mehr verwunderte der plötzliche Umschwung im vergangenen Jahr. Am 20. Mai 2016 gelangen die Missbrauchsvorwürfe durch Medienberichte an die breite Öffentlichkeit. Nur wenige Tage danach untersagt der Trierer Bischof Stephan Ackermann dem Pfarrer M. den Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Auch Messen darf er seither nicht mehr halten. Der Bischof leitet ein kirchliches Ermittlungsverfahren ein – bereits das zweite, wie später bekannt wird. Schnell werden auch überregionale Medien auf den Fall aufmerksam. Der Grund: Die Vorwürfe von Michael W. betreffen auch Reinhard Marx, den heutigen Kardinal und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, der 2006 Bischof in Trier war.

Marx hatte von den Ermittlungen gewusst. In einer Sitzung der Personalkommission des Bistums informierte ihn der damalige Missbrauchsbeauftragte des Bistums, Prälat Rainer Scherschel, mündlich über die Einstellung des Verfahrens. In welchem Umfang die Information damals erfolgte und ob der Bischof von der Aussage des Pfarrers gegenüber der Polizei wusste, ist nicht mehr nachzuvollziehen. In einer Stellungnahme des Bistums heißt es heute: "Es trifft zu, dass aufgrund dieser Unterrichtung der Bischof und der Generalvikar weitere Untersuchungen nicht für erforderlich hielten."

Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs ist damals bereits verjährt, die mutmaßliche Tat liegt acht Jahre zurück. Bischof Marx entscheidet, keine weiteren Nachforschungen anzustrengen. Der Vorfall verschwindet in den Akten, obwohl die damals zuständige Dezernentin der Staatsanwaltschaft nach Verhören und Ermittlungen zu dem Schluss gekommen war, dass der hinreichende Tatverdacht eines sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen und Schutzbefohlenen bestand. Der Missbrauchsbeauftragte des Bistums lädt Otmar M. zwar vor, der jedoch beteuert seine Unschuld. Die Akten der Behörden fordert das Bistum erst gar nicht an. Man glaubt dem mutmaßlichen Täter. Das mutmaßliche Opfer wird nicht gehört.

Michael W. ist heute 32 Jahre alt, glatt rasierter Kopf, vorsichtige, überraschend hohe Stimme. Er lebt wegen einer Therapie in Bayern. Sechs Jahre habe er geschwiegen, 2006 sei alles wieder hochgekommen, sagt er im Gespräch. Sein Vater sei heroinabhängig gewesen, die Mutter eine Trinkerin. Den Eltern wurde das Sorgerecht entzogen, als er noch ein kleiner Junge war. Michael W. kam bei einer wohlhabenden und sehr religiösen Pflegefamilie unter. "Jeden Tag beten, sonntags Kirche", erzählt er. Er wird getauft und empfängt die Erstkommunion. Pfarrer Otmar M. hilft zu dieser Zeit in der Gemeinde aus. Mit zwölf wird Michael W. bei ihm Messdiener.

Die Familie nimmt ein weiteres Pflegekind auf, die beiden verstehen sich nicht. "Es war unerträglich", sagt W. Er verlässt die Familie und zieht in eine Wohngruppe. Kurze Zeit später sei sein Pflegevater an einem epileptischen Anfall gestorben. "Direkt nach der Beerdigung hat mich Pfarrer M. aufgesucht", sagt er. Der Priester fängt den Jugendlichen auf, lenkt Michael W. ab, unternimmt Ausflüge mit ihm. Manchmal habe er ihn umarmt, ihn an sich herangezogen oder ihm die Hand auf den Oberschenkel gelegt.

Fast ein Jahr sei das so gegangen. Dann taucht überraschend der leibliche Vater von Michael W. Vater auf, angeblich clean seit eineinhalb Jahren. Das Verhältnis zwischen den beiden wird wieder besser. Doch der Vater von W. wird rückfällig und stirbt an einer Überdosis Heroin. Der 15-Jährige stürzt sich in den Alkohol, wird süchtig. Das Sorgerecht übernimmt der Sozialdienst katholischer Frauen, der dem Priester, der wieder für W. da ist, keine Vorgaben macht und keinen Verdacht hegt. Auch nicht, wenn er seine Messdiener im Pfarrhaus mit Alkohol abfüllt. Der Pfarrer habe dabeigesessen und selbst nur wenig getrunken, erinnert sich Michael W. an einen der Abende. Den Abend. Die anderen seien irgendwann betrunken nach Hause gegangen, nur er habe bei M. übernachtet. Er musste sich übergeben, der Priester stützte ihn, brachte ihn ins Bett – und legte sich zu ihm. Michael W. habe die Hand des Priesters an seinem Penis gespürt und gemerkt, wie er seine Hand zu sich zog. Michael W., im Suff, stößt ihn weg. Nach der vierten oder fünften Aufforderung lässt der Priester ihn endlich in Ruhe. Für den jungen Michael W. aber bricht eine Welt zusammen: Der Priester, zu dem er immer aufgesehen hat, habe ihn erniedrigt.

Urlaubsfahrten mit einzelnen Messdienern

Sechs Jahre lang wird Michael W. schweigen, bis er sich die Prepaidkarte kauft, zehn weitere Jahre dauert es, bis dem Priester Otmar M. der Umgang mit Kindern und Jugendlichen untersagt wird. Otmar M. hält weiter Messen, führt Kinder zur Kommunion und fährt mit seinem Lieblingsmessdiener, der 17 Jahre alt ist, in den Schwarzwaldurlaub, nimmt ihn mit zur Abschiedsfeier von Robert Zollitsch, dem Freiburger Erzbischof. Erst 2014 wird das Bistum dem Pfarrer Urlaubsfahrten mit einzelnen Messdienern verbieten.

Dazwischen, im Jahr 2013, also sieben Jahre nach der ersten Anzeige und während die deutschen Bischöfe ihre Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch verschärfen, steht Pfarrer M. zum zweiten Mal unter Missbrauchsverdacht. Mitte der achtziger Jahre soll der Geistliche, der auch Religion unterrichtete, im Klassenzimmer eine Grundschülerin sexuell schwer missbraucht haben. So steht es in der Kriminalakte, die der ZEIT vorliegt. Konkret wird dem Pfarrer M. vorgeworfen: "Schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes durch Vollzug des Beischlafes oder anderer Handlungen von einem über Achtzehnjährigen".

Das Bistum – inzwischen unter der Leitung von Bischof Stephan Ackermann, dem heutigen Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz – ermittelt kirchenintern und zeigt Pfarrer M. bei der Staatsanwaltschaft an. Fast eineinhalb Jahre lang ermitteln Polizisten und Kirchenleute. Am 8. August 2014 wird das Verfahren wegen mangelnden Tatnachweises eingestellt. Dechant Volker Teklik, zu dessen Dekanat die Pfarrei von M. gehört, sagt, er habe nichts davon erfahren.

Im Juli 2015 nimmt die Staatsanwaltschaft wieder Ermittlungen auf: Pfarrer M. steht im Verdacht, 1987 und 2015 Jungen sexuell missbraucht zu haben. Die Justizbehörde stellt das Verfahren jedoch ein, zum einen wegen Verjährung, zum anderen wegen mangelnden Tatnachweises. Bei der fünften Anzeige gegen Pfarrer M. (er soll zwei Waffen im Schrank der Sakristei aufbewahrt haben) wird das Verfahren aus Rechtsgründen eingestellt: Der Kirchenmann war mittlerweile umgezogen, die Hausdurchsuchung wurde fälschlicherweise von der Justizbehörde veranlasst, die für seinen alten Wohnort zuständig war.

Fast sein halbes Leben hat der heute 63-jährige Seelsorger im Saarland getauft, gepredigt und beerdigt. Dutzende Jahrgänge hat er zur Erstkommunion geführt – bis der oberste katholische Missbrauchsbeauftragte des Landes, Bischof Stephan Ackermann, den Pfarrer M. im April 2015 beurlaubt und zwei Wochen später in den Ruhestand versetzt. In einer offiziellen Stellungnahme des Bistums heißt es, Pfarrer M. habe sich nicht an die Weisungen seines zwölf Jahre jüngeren Vorgesetzten Hanno Schmitt gehalten. Von den Missbrauchsvorwürfen und Ermittlungen ist keine Rede.

"Das ist alles eine gezielte Vernichtungskampagne", sagt der Pfarrer im September 2016. Er ist eigens aus dem Urlaub zurück in die saarländische Pfarrgemeinde gekommen, um erstmals mit der Presse zu sprechen. Wir treffen ihn im Garten der Familie Schumacher, die sich bereit erklärt hat, Gastgeber für das Treffen zu sein. Sie sind Freunde des Pfarrers und Gemeindemitglieder. Der Grill ist eingeheizt, ein Schwenkbraten vorbereitet.

Drahtzieher der Kampagne sei sein ehemaliger Vorgesetzter, sagt Pfarrer M. Der sei eifersüchtig auf seine Beliebtheit im Ort. Die Berichte in den Medien und alle Vorwürfe seien erlogen und schwer rufschädigend. "Das wird rechtliche Konsequenzen haben." Weshalb Michael W. ihn 2006 angezeigt habe, wisse er nicht mehr. Den Einstellungsbescheid habe er weggeworfen, niemand solle so etwas in seinem Nachlass finden. Das Verfahren sei wegen mangelnden Tatnachweises eingestellt worden, behauptet er. Richtig ist, dass es wegen Verjährung eingestellt wurde.

Sein Anwalt habe ihm ein Schreiben zukommen lassen. Um welche Art von Schreiben es sich handelt, gibt M. auch auf mehrfaches Nachfragen nicht preis. Er wirkt konfus, trägt einzelne Passagen aus dem Schreiben vor. Das Behördendeutsch sei nicht zu verstehen. Wesentliche Details kann er angeblich nicht finden, etwa ob er 2006 zugab, W. missbraucht zu haben. Auf Nachfrage beteuert Pfarrer M., ein Geständnis seinerseits habe es nie gegeben. 90 Minuten dauert das Gespräch. Familie Schumacher, die neben weiteren Gästen die ganze Zeit am Tisch sitzt, lässt an seiner Version keine Zweifel zu.

Franz-Josef Schumacher war damals zweiter Vorsitzender des Pfarrgemeinderates, er sagt, er habe erst aus der Presse von den Missbrauchsvorwürfen erfahren: "Unser Pfarrer hat sich immer um die gekümmert, denen es schlecht ging." An den Anschuldigungen sei nichts dran. Dem Pfarrer M. werde jetzt das herzliche Verhältnis zu seinen Messdienern zur Last gelegt.

Gut im Gedächtnis geblieben ist M. Folgendes: Im Jahr 2013, als zum zweiten Mal gegen ihn ermittelt wurde – wegen des Verdachts auf schweren sexuellen Missbrauch einer Grundschülerin –, habe es ein kircheninternes Abkommen gegeben. "Wir hatten vereinbart, dass nichts nach außen dringen darf", sagt er. Nur drei eingeweihte Parteien habe es gegeben: ihn selbst, seinen vorgesetzten Gemeindepfarrer Hanno Schmitt und das Bistum. Die Ermittlungen seien vom Bistum eingestellt worden, es habe sich an der Entscheidung der Staatsanwaltschaft orientiert.

Zum fünften Mal wird er verdächtigt, ein Kind sexuell missbraucht zu haben

Pfarrer Hanno Schmitt schweigt zu den Vorwürfen seines ehemaligen Kollegen. Verantwortlich war 2013 der damalige Trierer Generalvikar Georg Bätzing, der heute Bischof in Limburg ist. Das Bistum Trier, das momentan seine kircheninternen Ermittlungen abschließt, will den Fall gegenüber der ZEIT nicht kommentieren. Zu den seit Juli 2016 laufenden Ermittlungen sagt Otmar M.: "Davon weiß ich bisher nur aus dem Fernsehen." Zum fünften Mal wird er verdächtigt, ein Kind sexuell missbraucht zu haben. Alles frei erfunden, erklärt M. Er kenne den Anzeigeerstatter, der sitze selbst wegen Missbrauchs im Gefängnis und greife nun nach jedem Strohhalm.

Und was wird aus all den Beschwerden über M.? Die erreichten das Bistum bereits in den Neunzigern. Er soll im Religionsunterricht Kinder geschlagen haben. Der Sprecher des saarländischen Bildungsministeriums sagt heute, der Pfarrer sei aus gesundheitlichen Gründen seit 1997 nicht mehr eingesetzt worden. M. erklärt, er selbst habe damals darauf verzichtet, weiter zu unterrichten. Er habe sich über einen "ungezogenen Schüler" geärgert, dem er "eine gewatscht hatte". Er habe sich mit der Situation überfordert gefühlt und gewollt, dass besser ausgebildete Lehrkräfte ihn ersetzen. "Ich sah nicht ein, weshalb ich mir meine Nerven mit ungezogenen Kindern ruinieren sollte."

Die Anwältin von Michael W. widerspricht dem Pfarrer. Sie vertritt neben ihm noch ein weiteres mutmaßliches Opfer von Pfarrer Otmar M. Ausführlich zitiert sie gegenüber der ZEIT aus der Akte, in der Michael W.s Anschuldigungen vor zehn Jahren dokumentiert wurden. Pfarrer M. habe sich während einer mehrstündigen Vernehmung im September 2006 in einer Polizeidienststelle im saarländischen Neunkirchen erinnert: dass Michael W. an Wochenenden bei ihm im Pfarrhaus übernachtete, dass der Junge auf seinem Schoß gesessen und er ihn unter dem T-Shirt gestreichelt habe. Pfarrer M. habe damals gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass das Streicheln sexuelle Hintergründe hatte. Vielleicht sei es die Suche nach Nähe und Zärtlichkeit gewesen. Daran, mit W. im Bett gelegen zu haben, habe sich Pfarrer M. nicht erinnern können.

In der Akte steht: Das heiße aber nicht, dass der Pfarrer es verneine. Auf Nachfragen des Polizisten, ob Pfarrer M. bewusst gewesen sei, dass mit dem Verhalten eine Straftat begangen werde, habe der Beschuldigte geantwortet: "Ich bin ja kein Straftäter. Ich wusste aber damals schon, dass es zumindest eine moralische Verfehlung war." Gegen Ende der Vernehmung habe M. sein Bedauern und seine Einsicht ausgedrückt, einen "Fehler" gemacht zu haben. Er wolle sich nicht herausreden. "Es ist halt mal passiert." Zwei weitere Informanten, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, bestätigen die Darstellung der Anwältin. Am Telefon sagt sie auf Nachfrage: "Der Beschuldigte legte ein Teilgeständnis ab und stellte die Vorwürfe nicht in Abrede."

Eine Katholikin aus der Gemeinde will nicht mehr schweigen. Im Juli vergangenen Jahres ist sie nach Rom geflogen, um einen Beschwerdebrief abzugeben – adressiert an Papst Franziskus. Sie glaubt, Pfarrer Hanno Schmitt müsse als Sündenbock herhalten: "Er ist den Vorwürfen nachgegangen und wird jetzt als Denunziant und Nestbeschmutzer verachtet." In ihrem Brief kritisiert sie Bischof Ackermann, er sei zu lange untätig gewesen. Die Kongregation der Glaubenslehre hat den Trierer Bischof gebeten, ihr zu antworten. Zwei Seiten von ihm erreichten die Dame Ende November. Der Bischof versichert ihr: Das Bistum steht hinter Pfarrer Hanno Schmitt.

Auch Kardinal Marx will nicht mehr schweigen. Zunächst hatte er seinen Sprecher alle Presseanfragen beantworten lassen – von einem Lernprozess war da die Rede, davon, dass damals entsprechend der geltenden Leitlinien gehandelt worden sei und heute sicher anders verfahren werde. Dann aber spricht Kardinal Marx gegenüber der ZEIT erstmals selbst: "Für mich persönlich möchte ich ausdrücklich festhalten, dass ich heute und leider erst im Nachhinein erkenne, dass ich intensiver hätte nachfragen müssen." Die Kirche, er eingeschlossen, habe zu wenig wahrhaben wollen, was auch Priester jungen Menschen antun können, und ihr Verhalten sei den leidvollen Situationen der Opfer nicht immer angemessen gewesen. "Für die Kirche und auch für mich selbst war es ein schmerzhafter Lernprozess, vor allem und in allem von der Perspektive der Opfer her zu denken und zu handeln."

Den konkreten Fall kommentiert Marx nicht. Zur Sitzung der Personalkommission 2006, in der er informiert worden sei, liege eine Protokollnotiz vor. Einsicht gewährt das Bistum Trier nicht, erklärt aber in einer schriftlichen Stellungnahme: Der Aktenlage sei nicht zu entnehmen, in welchem Umfang die Information damals erfolgt ist. Es treffe zu, dass Bischof Marx und sein damaliger Generalvikar (der heutige Leiter der laufenden kirchenrechtlichen Voruntersuchung, Georg Holkenbrink) weitere Untersuchungen nicht für erforderlich hielten. Wieder ist von einem Lernprozess die Rede, der immerhin zu einer Weiterentwicklung der Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen geführt habe. Dabei besagten die Leitlinien bereits 2002: "Jede Verdachtsäußerung wird umgehend geprüft, und mit dem mutmaßlichen Opfer beziehungsweise seinen Erziehungsberechtigten wird umgehend Kontakt aufgenommen."

Und nun? Was wird aus einem mutmaßlichen Täter, der unschuldig ist nach geltendem Recht? Ob ein mehrfach angezeigter Priester weiter seinen Dienst ausüben darf – die Antwort auf diese heikle Frage fällt heute anders aus als 2006. Dazu hat seit 2010 auch die Aufdeckung zahlreicher Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche beigetragen.

2015 wird Otmar M. in den Ruhestand geschickt. Im Dezember 2016 nimmt das Bistum Trier endlich Kontakt zu Michael W. auf. Ein erstes Treffen mit dem Generalvikar und dem Justiziar des Bistums findet statt. Zehn Jahre sind vergangen, seit Michael W. eine Prepaidkarte kaufte, um Priester Otmar M. anzuzeigen.