An einem sonnigen Freitagmittag unternimmt die Stadt Dortmund den nächsten Versuch, Recht und Ordnung ins Elend zu bringen. Der Oberbürgermeister ist gekommen, der Bezirksbürgermeister, Lokalpolitiker, die Presse. Ein Kamerateam hält den feierlichen Moment fest: Nach zweijähriger Planungs- und Umbauzeit eröffnet in einer ehemaligen Apotheke im Dortmunder Stadtteil Nordstadt eine Zweigstelle des Ordnungsamtes.

Man wolle, kündigt der SPD-Oberbürgermeister Ullrich Sierau an, das in Verruf geratene Viertel zur "Achse des Guten" umwandeln. Es gäbe ja ohnehin schon eine Reihe positiver Aspekte. "Das Ordnungsamt ist ein weiterer spannender Teil davon." Die Leiterin des Ordnungsamtes strahlt, ihre Mitarbeiter, in polizeiähnlicher Uniform und tadelloser Haltung, nicken ernst, die Reporter notieren die wohlklingenden Sätze in ihre Blöcke.

Während drinnen der Oberbürgermeister vom Potenzial des Viertels schwärmt, von den schönen Altbauten, den traumhaften Parks, steht draußen auf der Mallinckrodtstraße, direkt vor der Tür der Behörde, ein junger Mann, das Gesicht von der Kapuze seines Pullovers verdunkelt, und fragt: "Koka? Shore? Pillen?" Jedem, der nach potenziellem Kunden aussieht, bietet er an, was er bei sich hat, Kokain, Heroin, Ecstasy-Tabletten. Ein dürres Mädchen holt einen 10-Euro-Schein aus der Hosentasche. Der Mann nickt. Keine Worte, nur Gesten, rasch und vertraut. Er nimmt den Schein, steckt ein abgepacktes Beutelchen zwischen ihre Finger. Fertig.

Die Straße ist laut und viel befahren, auf dem Bürgersteig Menschen und Müll. Zwei Dutzend Männer unterhalten sich vor dem Café Europa in fremden Sprachen, auf dem Boden die Schalen von Sonnenblumenkernen. Im Wettbüro gegenüber fliehen Zocker vor der Langeweile des Wochenendes in den Traum vom großen Geld. Ein Junge mit Schulranzen über den Schultern biegt in einen Innenhof, aus dem ein seichter Windstoß den Geruch von Urin trägt. Irgendwo schreit eine Frau.

Knapp 60.000 Menschen wohnen in der Nordstadt, davon 41.500 Migranten. Die Stadtverwaltung spricht von einer "vielfältigen Bevölkerungsmischung", verbitterte Anwohner von "Kanaken-Ghetto". Es gab mal die Idee, einen Teil der Universität in das Viertel zu integrieren. Stattdessen entschied man sich für ein Jobcenter. Denn kaum jemand hier besucht Vorlesungen, dafür knapp 14.000 Menschen einen Jobvermittler. Die Arbeitslosenquote liegt mit 24 Prozent doppelt so hoch wie im Dortmunder Durchschnitt. Jedes zweite Kind in der Nordstadt lebt von Sozialleistungen.

Schon bevor im Februar zwei Polizisten von einer Horde Männern mit Baseballschlägern verprügelt wurden und ein Unbekannter auf ein arabisches Café schoss, hatten die Behörden eine "Ermittlungskommission Nordstadt" gegründet und drei Staatsanwälte für das Viertel abgestellt. Als Angela Merkel jüngst auf dem CDU-Landesparteitag in Münster von "No-go-Areas in manchen Stadtteilen" Nordrhein-Westfalens sprach, meinte sie Gegenden wie diese.

Selbst die meisten Dortmunder wissen nicht, dass es in ihrer Stadt, 15 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, Straßen gibt, in denen 15-jährige Jungs mit Männern ins Gebüsch gehen, um sich auch mal Nikes leisten zu können. Und Treppenhäuser, in denen Mütter mit ihren Babys über Junkies steigen.

In diesen Straßen bilden Armutszuwanderer aus Osteuropa, Flüchtlinge aus Afrika und abgehängte Deutsche eine Notgemeinschaft, für die es im sozialdemokratischen Traum vom solidarischen Leben keinen Platz mehr zu geben scheint. Manche haben seit Monaten kein fließendes Wasser und keinen Strom, andere seit Jahren keine Hoffnung. Begleitet man sie für ein paar Wochen, vergisst man schnell, dass Deutschland noch immer eines der reichsten Länder der Welt ist.

Mallinckrodtstraße 55

Als Alex aufwacht, schlafen seine jüngeren Geschwister noch. Stephan, sein Bruder, mit dem er sich das Bett teilt, liegt mit dem Gesicht zu der Wand, in der die Ratten wohnen. Am Fenster atmet, kaum hörbar, seine Schwester Natasha. Still packt Alex seinen Schulranzen und die Badetasche, heute ist Schwimmunterricht.

Unter herabbaumelnden Stromkabeln hindurch schlurft er ins Wohnzimmer, ein schmaler zwölfjähriger Junge mit hängenden Schultern. Er setzt sich aufs Bett der Eltern, in dem das Baby schläft. Zu sechst teilen sie sich zwei Zimmer.

Die Mutter schmiert Pausenbrote, auf RTL 2 läuft Privatdetektive im Einsatz. Der Vater, angestellt bei den Entsorgungswerken als Straßenreiniger, sitzt am Tisch und nippt am Kaffee. Er trägt Jogginghose und Unterhemd, Schweiß perlt ihm über die Stirn. Seit dem Winter lässt sich die Heizung nicht mehr regulieren. Dem Mann, der jeden Monat an die Tür klopft, um 600 Euro Miete zu kassieren, ist das egal. Genau wie die Ratten, die sich durch die Wände nagen und durch die Wohnung huschen. Der Vater kommt kaum nach, die Löcher zuzugipsen.

Alex schaut aus dem Fenster auf einen stillen Montagmorgen in der Mallinckrodtstraße. Er mag die seltene Ruhe dort unten. "Wenn ich nachts runtergucke", sagt er, "ist es immer laut, immer Schlägerei." Das Haus, in dem Alex mit seiner Familie wohnt, beherbergt rund 200 Menschen, alle Roma, die in den vergangenen Jahren aus Rumänien nach Dortmund kamen.