Ich las gerade die Morgenzeitung, als mein Bruder anrief. Er konnte kaum sprechen. Seine Tochter, meine Nichte, war gestorben, mit 13 Jahren. Sie hatte Deo aus einer Plastiktüte geschnüffelt, war in Ohnmacht gefallen und an ihrem Erbrochenen erstickt. Als er sie am nächsten Morgen fand, war sie schon kalt. In unserer Familie zeigt man Gefühle sonst nicht so offen, aber da weinten wir zusammen. Ich sagte alle Termine ab und setzte mich ins Auto. Auf der Fahrt nach Kronshagen bei Kiel habe ich gebetet und Rod Stewart voll aufgedreht, um den Kopf freizubekommen.

Ich bin ein erfahrener Seelsorger. In meinen 20 Jahren als Pfarrer habe ich wahrscheinlich schon auf 400 Beerdigungen gesprochen, und auch diese Trauerfeier habe ich vorbereitet – gemeinsam mit einem evangelischen Pastor. Unsere Familie ist gemischtkonfessionell. Doch am Grab meiner Nichte war es, als drehten sich die Dinge um. Die Gefühle schnürten mir die Kehle zu, mir war übel, ich weinte und fühlte mich hilflos, ich wollte die Augen schließen und es nicht wahrhaben, und dann musste ich doch Erde auf den Sarg werfen und wusste: Das ist real. In meiner Trauer umarmte ich den evangelischen Kollegen und ließ ihn nicht mehr los.

In den Tagen danach blieb die Familie noch beisammen. Wir schauten uns Bilder und Videos meiner Nichte an, saßen auf ihrem Bett und blätterten in ihren Schulheften. Das tat uns allen gut.

Bald darauf habe ich mich für ein paar Tage zu Exerzitien in ein Karmeliterkloster zurückgezogen. Das war nötig, denn der Tod meiner Nichte hatte mich auch im Glauben verwundet. In langen Gesprächen mit dem Pater, aber auch in der Stille habe mich gefragt: Warum hast du, Gott, das zugelassen? Ich lief nachts durch den Ort, weinte und rang mit Gott. Nach über einer Woche ohne Außenkontakt fand ich meinen inneren Frieden beim mitleidenden Jesus: Er trägt auch mein Kreuz des Leidens mit.

Mein Verständnis von Seelsorge hat sich durch die Ereignisse vor zwei Jahren stark verändert. Ich bin authentischer, erwachsener, empathischer geworden. Vielleicht stimmt es, dass man selbst verwundet werden muss, um Wunden heilen zu können. Wenn sich heute ein Gemeindemitglied an mich wendet und mich seine Geschichte sehr berührt, kommt es vor, dass auch ich weine.

Auch Trauerfeiern gestalte ich anders als früher. Manches von dem, was ich zuvor gepredigt hatte, wirkt im Nachhinein reproduziert. Heute gehe ich in den Predigten individueller auf die Verstorbenen ein und beschränke das Religiöse oft auf das Gebet Jesu auf dem Ölberg und Dietrich Bonhoeffers Gedicht Von guten Mächten.

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Protokoll: Daniel Kastner