DIE ZEIT: Herr Lahm, seit dem ersten Teil unseres Gesprächs ist viel passiert. Sie haben mit dem FC Bayern den fünften Meistertitel in Folge gewonnen, das gab es noch nie ...

Philipp Lahm: ... Sie können mir glauben, das hat sehr, sehr gutgetan ...

ZEIT: ... nach dem Ausscheiden im Halbfinale des DFB-Pokals, bei dem Sie eine tragische Rolle spielten. Einer der raren Fehler überhaupt in Ihrer Karriere war der Ausgangspunkt zum entscheidenden 3:2 der Dortmunder. In Ihren Augen sah man schon in dem Moment selbst eine Mischung aus Entsetzen und tiefer Traurigkeit. Was ist da in Ihnen vorgegangen?

Lahm: Im ersten Augenblick war da nur Entsetzen. Mir war sofort bewusst: Ich habe diesen Ball in einer Situation verloren, die zu einem Konter führt, der – vorausgesetzt, er wird gut gespielt – einen gefährlichen Torabschluss mit sich bringen kann. Die eigene Hälfte war ja total offen. Ob aus einer solchen Situation dann tatsächlich ein Tor wird, das hat am Ende immer mit Glück oder eben Pech zu tun. In diesem Fall war’s aus meiner Sicht und für mich: großes Pech.

ZEIT: Sie haben Ihr Karriereende auch mit erhöhtem körperlichem Stress, mit nachlassenden Kräften begründet. Wäre Ihnen dieser Fehler vor fünf Jahren auch passiert?

Lahm: Es waren individuelle Fehler, keine Situation, die ich mit besserer Physis hätte gekonnter lösen können. Das hätte weder heute noch vor fünf Jahren passieren dürfen. Ich bin froh darüber, dass mich die Leute so fehlerfrei in Erinnerung haben, aber ich selbst kann mich natürlich schon an Aussetzer erinnern, auch vor fünf Jahren. Aber Sie haben natürlich recht, mein Körper ist schon ein anderer als vor fünf Jahren.

ZEIT: Was sind, ganz konkret, körperliche Signale nach 28 Jahren im Fußball, die einem sagen, der Körper sollte besser jetzt nicht mehr professionell Sport betreiben?

Lahm: Der Tag nach dem Spiel, das Aufstehen nach einer härteren Trainingseinheit am nächsten Morgen, das fällt definitiv schwerer als noch vor zehn Jahren. Es braucht definitiv geschmeidigere, aufwendige Phasen der Regeneration.

ZEIT: Und die Schnelligkeit?

Lahm: Die Schnelligkeit ist nicht so das Problem. Ich würde eher sagen, die Regelmäßigkeit lässt ein bisschen nach. Regeneration auch im Spiel, würde ich das nennen: Antritt und zurück, da braucht man ein bisschen länger. Und man kommt häufiger im Spiel in Situationen, in denen man denkt: Ups, das habe ich früher besser gelöst – drehen, antreten, abbremsen, sprinten. In manchen Situationen merkt man das einfach, es ist so ein Gefühl.

ZEIT: Haben die Entscheidungen, ob Sie nach einer Verletzung wieder spielen oder nicht, immer die Ärzte getroffen, oder haben Sie die manchmal auch selber getroffen?

Lahm: Die habe immer ich getroffen.

ZEIT: Die haben immer Sie getroffen?

Lahm: Ich hatte mit den Ärzten und Physiotherapeuten immer ein kooperatives Verhältnis. Ich bin weiß Gott kein leichter Patient, aber einer, der auch da eine klare Linie hat. Ich wollte immer alles zu hundert Prozent ausheilen lassen, bevor ich wieder auf den Platz gehe. So war immer mein Credo. Ich hatte auch das Glück, dass ich nie in einer entscheidenden Phase, Halbfinale Champions League oder vor dem Finale Champions League, gesundheitliche Probleme hatte, bei denen eine knappe Entscheidung hätte getroffen werden müssen.

ZEIT: Aber vor der WM 2014 wollten Sie ja eigentlich nicht mehr spielen. Sie waren verletzt und haben, wenn wir richtig informiert sind, nicht mehr daran geglaubt, wieder gesund zu werden.

Lahm: Doch. Ich hatte zwar beim normalen Laufen schon Probleme, und ich hatte das Gefühl, ich laufe nicht rund. Dann habe ich mit dem Arzt gesprochen, der wusste auch nicht genau, woher es kommt. Davor hatte ich schon das Problem mit dem Syndesmoseband. Da habe ich gesagt, ja, wenn es so ist, dann müsst ihr mir das jetzt sagen, dann ist für mich die WM gelaufen. Ich kann damit umgehen, es wäre schade, aber ich kann damit umgehen. Und dann war es so, zwei oder drei Tage, wir waren schon in Brasilien, und ich hatte immer noch ein paar Probleme. Und dann, auf ein Mal konnte ich an den letzten beiden Tagen vor dem Spiel komplett alles mit trainieren, hatte keine Probleme mehr. Ich hatte also zum Zeitpunkt meines Einsatzes keinen Zweifel, dass ich gesund bin und spielen kann.