Viele Wege führen zum Atomkrieg. Und viele Mittel sind nötig, um ihn zu verhindern. Eines besteht darin, die Menge des verfügbaren Atomsprengstoffs zu verringern. Das ist einfacher gesagt als getan, gewiss. Möglich ist es dennoch.

Russen und Amerikanern war zu Beginn der neunziger Jahre klar, dass etwas geschehen musste: Auf dem Territorium der sich auflösenden Sowjetunion lagerten Hunderte Tonnen Atomwaffensprengstoff, die nicht in falsche Hände fallen durften. Die USA boten technische Hilfe an, einen Teil des Materials unbrauchbar zu machen – auch des eigenen. Also wurden zwei Vereinbarungen getroffen, eine für Uran und die andere für Plutonium.

Die erste war ein Erfolg. Uran kommt in verschiedenen Varianten vor, Isotope genannt. Waffentechniker benötigen eine Mischung aus Isotopen mit viel Uran-235. Sie herzustellen heißt "Anreicherung", ein aufwendiger Prozess. Infolgedessen errichtet die Vermischung hochangereicherten Urans mit militärisch nutzlosen Uran-Isotopen eine technische Barriere. Vereinbarungsgemäß rührten die Russen zwischen 1993 und 2013 insgesamt 500 Tonnen Uransprengstoff (die Menge entspricht rund 20.000 Sprengköpfen) mit harmloseren Uran-Isotopen zusammen und verkauften das Zeug für 17 Milliarden Dollar als Brennstoff an die amerikanische Nuklearindustrie. Das Programm darf zu den besten Abrüstungsdeals der Geschichte gezählt werden. Allerdings, wie es am 1. Mai 1992 in der ZEIT stand: "Das brisante Problem ist das Plutonium."

Jede Seite hatte versprochen, 34 Tonnen des Materials militärisch unbrauchbar zu machen – das entsprach einem Viertel des russischen und der Hälfte des amerikanischen Inventars. Aus technischen Gründen ist es nicht möglich, Plutonium-239 einfach mit anderen Plutoniumisotopen zu verdünnen. Die beiden Verhandlungspartner mussten sich mehr einfallen lassen.

Zunächst definierten die Wissenschaftler den Begriff "militärisch unbrauchbar": unbrauchbar wie benutzte Kernbrennstäbe. Das ist der sogenannte spent fuel standard. Plutonium, das so unnütz wie gebrauchte Brennstäbe sein soll, müsste vierfach gesichert werden. Erstens muss die Plutoniummischung so zusammengesetzt sein, dass sie nicht ohne Weiteres in Sprengköpfe eingebaut werden kann. Zweitens muss das Material hochradioaktive Substanzen enthalten, damit es nur schwer zu handhaben ist. Drittens muss das Plutonium in eine keramische Matrix eingebracht werden, aus der es nur mit großem chemischem Aufwand wieder herauszulösen ist. Und die letzte Hürde gegen den erneuten Einsatz als Bombenstoff ist die Einkapselung in schwer zu öffnende Container.

Damals wurde als eine von zwei Varianten erwogen, militärisch brauchbares Plutonium mit Atommüll zu "vergiften"; wovor die ZEIT 1992 warnte. Stattdessen beschloss man, Brennelemente aus einem Plutonium-Uran-Mix (Mox) in herkömmliche Kernreaktoren zu schieben, wo sie zu gefährlichen Strahlern und daher militärisch nutzlos würden. Beide Seiten kamen überein, diesen Weg zu gehen. Dann jedoch beantragten die Russen für sich eine andere Technik: Sie wollten ihr Material lieber in Schnellen Brütern für die Stromerzeugung verbraten. Die USA stimmten zu.

Doch während die Russen ihr Programm umsetzten, kamen die Amerikaner nicht nach. Sie bauten zwar an ihrer Fabrik für Mox-Elemente, doch deren Kosten stiegen ins Unermessliche, bis Barack Obama das Programm im Jahr 2016 stoppte. Stattdessen wollen die Amerikaner das Plutonium nun mit einer geheim gehaltenen Substanz namens Stardust mischen und vergraben. Das aber ist die Abkehr vom spent fuel standard – Anlass für Wladimir Putin, das Abkommen aufzukündigen.

Er hätte das keineswegs tun müssen, denn der Vertrag erlaubt sehr wohl technische Abwandlungen, wenn beide Seiten zustimmen. So hatten es die Amerikaner ja seinerzeit gehalten, als die Russen auf die Brütertechnik umsteigen wollten, obwohl in einer bestimmten Zone dieser Reaktoren neues Plutonium von einer Beschaffenheit entsteht, die es militärisch interessant macht. Auch in Russland wird also der spent fuel standard unterschritten.

Nein, der russische Präsident hatte andere Motive, und die nannte er auch: die amerikanische Sanktionspolitik sowie Truppenbewegungen der Nato in der Nähe russischer Grenzen. Damit machte er das Plutoniumabkommen im Jahr 2016 zur Geisel der Diplomatie.

Der ZEIT-Artikel von 1992 begann mit dem Satz: "Dies ist eine böse Geschichte". Leider ist sie bis heute noch nicht gut ausgegangen.

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