Zwischen den liberalen Bühnen Polens und der konservativen Regierung tobt ein Kulturkampf. Er erinnert auf paradoxe Weise an das polnische Protestjahr 1968: Damals kulminierten die gesellschaftlichen Spannungen in einem Theaterskandal in Warschau, nachdem am Nationaltheater Adam Mickiewiczs Nationaldrama Die Totenfeier aufgeführt wurde. Schnell machte unter den Kommunisten das Gerücht die Runde, das Stück weise freiheitliche Tendenzen auf. Der Kulturminister teilte mit, die Inszenierung müsse abgesetzt werden. Am Abend der letzten Vorstellung kam es unter den Zuschauern zu Protesten, es fielen Parolen wie: "Wir wollen Kultur ohne Zensur!" Das Regime reagierte mit ganzer Härte und setzte eine Säuberungsaktion an Theatern, Universitäten und Institutionen durch.

Nahezu ein halbes Jahrhundert später erlebt Polen erneut einen Kulturkampf. Wieder hat der gesellschaftliche Konflikt zu einer Absetzung von Adam Mickiewiczs Totenfeier geführt, diesmal am Teatr Polski in Breslau. Die Aufführung ist zum Kollateralschaden eines Machtkampfs geworden: zwischen Piotr Gliński, dem aktuellen Kulturminister Polens, einem patriotischen Katholiken, und den linksliberalen Theaterkräften im Land, die sich gegen die Nationalisierung der Kulturpolitik der Regierungspartei PiS ("Recht und Gerechtigkeit") stemmen. Das Paradoxe: Gliński hätte noch 1968 für die Kunstfreiheit protestiert. Heute ist er vom subversiven Freiheitskämpfer zur Führerfigur aufgestiegen, die die Gefahr ihres autoritären Handelns nicht erkennt.

Um zu verstehen, was in Polens Kulturlandschaft passiert, muss man einen Schritt zurücktreten. Man stelle sich vor, das Breslauer Theater wäre die Berliner Volksbühne und nicht der umstrittene Belgier Chris Dercon hätte den Chefposten übernommen, sondern ein Ensemblemitglied der "Komödie am Kurfürstendamm" – und das mit der leidenschaftlichen Unterstützung von Monika Grütters. Vormals leitete Krzysztof Mieszkowski die Spielstätte, ein kritischer Freigeist und international gefeierter Regisseur. 2016 musste er abdanken und den Stuhl für Cezary Morawski räumen, ein konservatives Fliegengewicht aus der zweiten Garde der Theaterwelt.

Der neue Direktor ist vor allem für seine altväterlichen Rollen in Vorabendserien wie M jak Miłość ("L wie Liebe") bekannt. Als er im Sommer 2016 an die Macht kam, entließ er zuerst alle widerspenstigen Schauspieler, setzte aus Personalnot Mickiewiczs Totenfeier ab und drückte anschließend ein politisch entkerntes Programm durch: kleine, lieblos inszenierte Einakter, Dramolette und Gastspiele von Privattheatern. Zudem erteilte er Aufführungsverbote und sagte Festivalauftritte ab. Teile des Ensembles reagierten mit einem langen Protest und weigerten sich ihrerseits, aufzutreten. Seitdem herrscht ein erbitterter Streit. Erst vergangene Woche haben Lokalpolitiker beschlossen, den Direktor fristlos zu entlassen. Doch das Kulturministerium griff ein und teilte mit, im Falle von Morawskis Entlassung die Co-Finanzierung des Theaters einzustellen. Jetzt droht der Konflikt wieder zu eskalieren.

Dem neuen Direktor ist die feindliche Übernahme dank zwei ungleichen Politikern geglückt: dem rechten Kulturminister Gliński und dem Ex-Kommunisten Tadeusz Samborski, einem Landespolitiker der Bauernpartei PSL, der in Niederschlesien über die Kultur bestimmt. Der 72-jährige Schlager-Fan und Romantik-Enthusiast war im Kommunismus polnischer Botschafter in Vietnam. Eigentlich müsste Gliński den Politiker bedingungslos bekämpfen. Doch sein Interesse, das kritisch-liberale Theater in Breslau vor die Wand zu fahren, wog schwerer als jede ideologische Differenz. Da sich der Kulturminister – wie an den meisten polnischen Bühnen – nur beratend einmischen darf, war er auf die Hilfe des reaktionären Lokalpolitikers angewiesen, der seit Längerem geplant hatte, seinen alten Freund Morawski auf den Chefposten zu setzen.

"Wir erleben eine Revolution von unten", sagt der Regisseur Przemysław Wojcieszek

Wie sich am Breslauer Fall ablesen lässt, äußert sich die Kulturkritik der Regierungspartei vor allem in einer blinden, wilden Zerstörungswut. Dieser Vandalismus gibt Einblick in das tief sitzende Unbehagen der Nationalisten gegenüber einem westlich geprägten, aufklärerisch-laizistischen Wertesystem, das als liberaler Brutplatz einer verbrämten Globalisierung gilt. Geschichte, Kultur, Verkehrssysteme – alles soll wieder polnisch werden (keine Fahrräder!). Doch was heißt eigentlich wieder? Die Regierung will zu einem nationalen Urzustand zurück, den es nie gegeben hat – schon weil Polen auf der Landkarte jahrhundertelang nicht existierte. Wegen der fehlenden Möglichkeit, an eine rein polnische (also weder deutsche noch russische) Kulturtradition anzuknüpfen, fällt es der PiS heute umso schwerer, die verbrannte Erde, die sie hinterlässt, ideologisch neu durchzupflügen.

Stattdessen setzt sie auf eine Entlassungswelle von unbekanntem Ausmaß. Der Kulturminister hat seine Macht überall dort gezeigt, wo er personelle Weisungsbefugnis hat. Er hat den Direktor des öffentlichen Fernsehens ausgetauscht, die Leiter der ausländischen Kulturbüros ersetzt, den europafreundlichen Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig geschasst und das kosmopolitische Haus mit dem patriotischen Westerplatte-Museum verschmolzen. Ähnlich wie am Theater in Breslau hat in Danzig ein Mann die Macht übernommen, der über keinerlei fachliche Kompetenz verfügt.