Die Amtsübergabe im Elysée-Palast ist für den 15. Mai geplant. François Hollande muss seinem Nachfolger oder der Nachfolgerin noch Staatsgeheimnisse mitteilen, insbesondere Details über die Nuklearwaffen. Dann treten die beiden in den Ehrenhof hinaus, der weiße Kiesel knirscht, die Garde steht stramm, der Unglücksrabe verlässt die politische Bühne.

Das ist schon alles, worin ein Amtsantritt von Emmanuel Macron dem von Marine Le Pen ähneln würde. Sollte es sich um Marine Le Pen handeln, beginnen heiße Wochen.

Le Pens erste Amtshandlung würde die Ernennung des Premierministers sein – Nicolas Dupont-Aignan, Vorsitzender einer rechten Splitterpartei mit wenig Regierungserfahrung. Umso dringender wird die Präsidentin Minister benötigen, die den Machtapparat kennen; infrage kommen aber nur ein paar Versprengte aus der bürgerlichen Rechten. Das wird mühevoll – oder peinlich.

Wahl in Frankreich - Was beide Präsidentschaftskandidaten verbindet Le Pen will aus der EU austreten, Macron nicht. Trotz aller Unterschiede haben beide Präsidentschaftskandidaten etwas gemein: Es fehlt ihnen eine Mehrheit im Parlament. © Foto: AFP-TV

Die Parlamentswahlen Mitte Juni kann Le Pen nicht abwarten. Sie muss in der Offensive bleiben, um Wähler und potenzielle Verbündete mitzureißen. Sie will die Europaflaggen an den öffentlichen Gebäuden einholen lassen, das Schengen-Abkommen aussetzen und an den Landesgrenzen bewaffnete Kräfte aufmarschieren lassen; Reservisten sollen einberufen werden.

Die Parlamentswahlen sind wichtig für sie. Zwar kann der Staatspräsident das Parlament in bestimmten Fällen umgehen oder sogar auflösen, aber auf Dauer bleibt ihm wenig innenpolitische Macht, wenn er für seine Gesetzesvorhaben keine Mehrheit findet. Das wird ein Problem für den Front National, denn in Frankreich gilt ein zweistufiges Mehrheitswahlrecht: In den zweiten Wahlgang kommt, wer mindestens 12,5 Prozent der Stimmen im Wahlkreis auf sich vereinigt. Das können drei oder sogar vier Kandidaten sein. Dann schlägt die Stunde der Deals: Wir ziehen uns dort zurück, wenn ihr unseren Kandidaten hier unterstützt. Nur sieht es bisher nicht so aus, dass die anderen Parteien derartige Abmachungen mit dem FN treffen wollten. Also muss Le Pen aus eigener Kraft das Maximum herausholen und rasch ihre Wahlversprechen einlösen. Sie wird sofort Verhandlungen über eine Neufassung der EU-Verträge anstreben, um Franzosen gegenüber anderen EU-Bürgern auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt oder im Sozialsystem bevorzugen zu können. Dass sie damit nicht durchkommen wird, weiß sie selbst, weshalb sie ein Referendum für den Frexit vorbereitet. Zuvor wird sie den Widerstand im Staatsapparat brechen müssen, also neue Diplomaten, Militärs und Präfekte ernennen. Falls die Gesellschaft gegen die Staatsspitze revoltieren sollte, hat Le Pen noch eine weitere Option: auf den Notstand zuzrückzugreifen, um alle Macht im Elysée zu konzentrieren.

Für einen Präsidenten Macron würde es ebenfalls nach dem 15. Mai erst so richtig schwierig werden. Er hat noch nicht bekannt gegeben, wer sein Premierminister werden könnte – verständlich, denn welche Entscheidung er auch trifft, eines der politischen Lager, dessen Stimmen er im zweiten Wahlgang braucht, wäre enttäuscht. Nur nährt dieses Zögern die ohnehin verbreitete Ansicht, der Kandidat sei konturlos. Angekündigt hat er ein Kabinett von Leuten, die nicht aus dem Politikbetrieb kommen. Das entspricht der Wechselstimmung, aber nicht dem ebenfalls verbreiteten Gefühl, in Zeiten von Krise und Terror brauche es erfahrene Amtsinhaber. Eine Zwickmühle.

Dann die Parlamentswahlen. Die bürgerliche Rechte spekuliert darauf, die stärkste Fraktion zu stellen, und will erreichen, dass Macron einen Vertreter aus ihren Reihen zum Premier ernennt. Das wäre das Modell "Kohabitation" zweier Kräfte, die einander entweder stützen oder stören. Macron will das vermeiden. Er kündigte am Dienstag dieser Woche an, seine Bewegung En Marche! in eine Partei umzuwandeln. Sie soll flächendeckend kandidieren und ihm eine eigene Mehrheit verschaffen.

Welche Politik könnte ein Präsident Macron schon vor der Parlamentswahl durchziehen, um seiner Partei Wahlvorteile zu verschaffen? Da wird es schwierig. Angekündigt hat er als eine seiner ersten Aktionen, das Arbeitsrecht im Verordnungswege zu verändern – die rechtlichen Möglichkeiten dazu hätte er nach Ansicht vieler Juristen. Es soll auch bei ihm schnell gehen: Macron hat versprochen, Verhandlungen über eine Reform der EU und der Euro-Zone aufzunehmen – aber nur, wenn er zeigen kann, dass Frankreich seine hausgemachten Probleme anpackt. Anders, als es Hollande tat.

Blitzartige Reformen würden schwer auf den Parlamentswahlen lasten. Viele Linke werden Macron nur mit Zähneknirschen ihre Stimme geben, um Le Pen zu verhindern. Er würde dieses Potenzial verlieren, preschte er noch vor der Parlamentswahl vor. Zumindest muss er sofort nach der Amtsübergabe Bonbons verteilen, Vergünstigungen für diejenigen, die von ihm am wenigsten überzeugt sind, die Arbeiter, die Jungwähler und die Rentner.

Und nach der Wahl? Auch gegen eine maßvoll sozialliberale Reformpolitik wird es Massenproteste geben, wie schon unter Sarkozy und Hollande. Macron weiß das: Er will es dennoch wagen.