In den Schaft seines Sturmgewehrs ist ein Hakenkreuz eingeritzt, auf einer Pergament-Urkunde klagt ein Wehrmachtssoldat darüber, dass Gott und Soldaten nur in der Not geehrt werden, auf die Wand in seinem Zimmer in der Kaserne Illkirch ist ein "H...H" gekritzelt, das zweite H geht aus einem J hervor. Ob Franco A. damit nun "Heil Hitler" sagen oder die Hitler-Jugend verewigen wollte, ist unerheblich. Aus seiner rechtsextremen Gesinnung hat der Offizier, der in der vergangenen Woche unter dringendem Terrorverdacht festgenommen wurde, nie einen Hehl gemacht. Seine unmittelbaren Vorgesetzten haben zuletzt stets das Gegenteil behauptet. Man darf auch sagen: Sie haben gelogen.

Genauso schwer wiegt, dass weiterere Verdächtige ins Visier der Ermittler geraten sind. Franco A. ist kein Einzelfall, sondern Teil eines rechtsextremen Netzwerks. Von besonderem Interesse ist dabei Maximilian T. Wie Franco A. dient er im Jägerbataillon 291 im elsässischen Illkirch als Oberleutnant. Ihm, nicht Franco A., wird die handschriftliche Liste mit Prominenten zugerechnet, die als Anschlagsziele gelten. Auf dieser Liste stehen unter anderem Justizminister Heiko Maas, Ex-Bundespräsident Joachim Gauck, die Linken-Abgeordnete Anne Helm sowie Philipp Ruch von der Aktivistengruppe Zentrum für politische Schönheit. Neben der Liste haben die Ermittler einen Notizzettel gefunden, der offenbar von Franco A. stammt.

Ursula von der Leyen hat am Dienstagnachmittag ihre Reisepläne kurzfristig geändert: Die Verteidigungsministerin strich New York und Washington und buchte nach Illkirch um. Dort, in der französischen Provinz, wollte sie am Mittwoch – nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe – die deutsch-französische Brigade besuchen, jene Einheit, in der Franco A. seinen Dienst leistete. Für Donnerstag bestellte sie zudem 100 hohe Führungskräfte der Bundeswehr nach Berlin ein, um ihnen persönlich zu sagen, was sie zuvor schon öffentlich rausposaunt hatte: Mir reicht’s!

Sonderhausen, Pfullendorf, Illkirch: Diese drei Standorte stehen für menschenverachtende Schikane, sexuelle Erniedrigung und Rechtsextremismus – für Verhalten und Einstellungen, mit denen die Bundeswehr nichts zu tun haben sollte. In Sonderhausen beschimpften zwei Hauptfeldwebel Soldaten als "genetischen Abfall", der "aussortiert" gehöre, und ließen sie so lange laufen, bis sie zusammenbrachen. In Pfullendorf wurden bei der Ausbildung von Sanitätern sexistische Initiationsrituale praktiziert. Frauen hatten an einer Pole-Stange wie in einem Strip-Lokal vorzutanzen. Auszubildende mussten sich einen Tampon in ihren Anus schieben. Und in Illkirch schrieb Franco A. eine Masterarbeit, die nach Auffassung der französischen Prüfer eindeutig rechtsextremes Gedankengut aufweist. Das war, bevor er eine zweite Identität annahm, sich als syrischer Flüchtling ausgab und unter dieser Tarnidentität offenbar Anschlagspläne verfolgte. Was allen drei Fällen gemein ist: Die jeweiligen Vorgesetzten waren vom Treiben ihrer Untergebenen informiert. Sie unternahmen: nichts.

Als von der Leyen am vergangenen Wochenende vom Ausmaß des Wegschauens im Fall Franco A. erfährt, geht sie in die Offensive. Sie hat schon Kommandeure versetzt, den Chefausbilder des Heeres gefeuert und intern immer wieder darauf gedrängt, widerliche Rituale nicht als militärische Tradition und rechte Hetze nicht als Kavaliersdelikt zu verklären. Jetzt setzt sie öffentlich einen drauf: Im ZDF prangert sie zur besten Sendezeit "falschen Korpsgeist", ein "Haltungsproblem" und "Führungsschwäche" bei der Bundeswehr an. Ein Frontalangriff auf die Kultur der Bagatellisierung.

Schaut man genau hin, was im Fall Franco A. alles willent- und wissentlich übersehen wurde, wird von der Leyens Furor verständlich.

Im Dezember 2013 reicht Franco A. an der französischen Militärakademie Saint-Cyr, an der er seit 2009 Staats- und Sozialwissenschaften studiert, seine Masterarbeit ein. Der französische Schulkommandeur, Général de Division Windeck, unterrichtet Franco A.s deutschen Vorgesetzten über schwere Mängel in der Arbeit. Er lässt die mündliche Prüfung nicht zu, Franco A. fällt durch. "Wenn es ein französischer Lehrgangsteilnehmer wäre, würden wir ihn ablösen", schreibt er in einer Beurteilung. In einem Telefonat mit seinem Vorgesetzten beteuert Franco A., keine extremistischen Gedanken zu verfolgen: Seine Arbeit sei schlicht nicht wissenschaftlich begleitet worden.

In einem Gutachten, beauftragt vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, kommt der Privatdozent Jörg Echternkamp am 18. Januar 2014 zu einem eindeutigen Urteil: "Bei dem Test handelt es sich nach Art und Inhalt nachweislich nicht um eine akademische Qualifikationsarbeit, sondern um einen radikalnationalistischen, rassistischen Appell, den der Verfasser mit einigem Aufwand auf eine pseudowissenschaftliche Art zu unterfüttern versucht." Neun Tage später wird Franco A. durch einen Wehrdisziplinaranwalt vernommen. In einem Aktenvermerk hierzu heißt es: Der Oberleutnant sei "angesichts der ihm unzweifelhaft zugeschriebenen hohen Intellektualität ein Opfer seiner eigenen intellektuellen Fähigkeiten in der Darstellung geworden".

Am 14. Februar fasst der Leiter der Deutschen Stabsgruppe Frankreich die disziplinarischen Vorermittlungen zusammen: Es gebe, heißt es in seinem Schreiben, "keinen Anhaltspunkt", dass Franco A. "eine innere Einstellung besitzt, die mit der soldatischen Pflicht (...) unvereinbar wäre". Und: Franco A. "wird nachdrücklich darauf hingewiesen, dass er in Zukunft mehr Sorgfalt bezüglich seines dienstlichen Verhaltens als Offizier der Bundeswehr walten lassen muss". Verfahren eingestellt. Franco A. schreibt daraufhin eine zweite Masterarbeit – und schließt am 22. Juli 2014 sein Studium erfolgreich ab.