Wittenberg war ein Nest an der Elbe, bis Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, den 2.000-Seelen-Ort 1502 zur Universitätsstadt machte. Für Martin Luther, den verkrachten Jurastudenten, Aussteiger und späteren Augustinermönch, lag es "am Rande der Zivilisation".

Das sollte sich mit ihm jedoch schnell ändern. Wittenberg wurde zur intellektuellen Boomtown, zum Thinktank der Neuzeit. Die Stadt war für die Reformation, was Florenz für die Renaissance bedeutete.

Alles lief dort so ähnlich ab wie in Kalifornien, im Silicon Valley des frühen 21. Jahrhunderts. Dort bastelten die Kinder der Hippies in der Garage an einer gerechteren Welt, erfanden fast spielerisch Computer und Internet. Die Hardware der Reformation war der Buchdruck, die Software war Luthers Bibelübersetzung auf Deutsch.

Hier wie da eine Weichenzeit: Die erste Globalisierung wurde von Christoph Kolumbus und dessen Entdeckung Amerikas eingeleitet, der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit war damit erfolgt. Und so wie die großen Player Windows und Apple mit Bill Gates und Steve Jobs die Menschen miteinander vernetzten, erzielte die Luthersche Lehre einen ähnlichen Effekt. Und das dank einer medientechnisch ungeheuer klugen Verbreitungsstrategie der Wittenberger, die für die Welt ähnlich drastische Folgen hatte wie die digitale Revolution. 40 Buchdrucker hatten in der Stadt ihr Auskommen, allesamt lauter kleine Start-up-Unternehmen.

Dem Reformator zur Seite standen zwei geniale Promoter: Philipp Melanchthon und Lucas Cranach der Ältere. Ohne den Brettener Universalgelehrten Melanchthon, von dem Luther behauptete, er sähe aus wie ein Knäblein, lehre aber wie ein Riese, wären seine Übersetzungen nur halb so gut geworden. Er nannte ihn "mein Griechlein".

In einem Brief rühmte sich Melanchthon, der nur 1,50 Meter große Gelehrte, der sich ausschließlich vegetarisch ernährte: "Heute verkehrten an meinem Tisch elf verschiedene Sprachen." Alle Geister dieser Zeit hatten bei ihm studiert. Er allein besaß das Recht, sämtliche Fächer zu lehren und zu erforschen. Seine Antrittsvorlesung am 28. August 1518 mit dem Titel "Für die Verbesserung der Wissenschaften" schlug ein wie eine Bombe. Er schrieb 10.000 Briefe, weilte von 1539 bis zu seinem Tod 1560 in seinem Haus. Als Angstneurotiker fürchtete er das Reisen. Es heißt, Luther soll neidisch auf Melanchthons Haus gewesen sein. In seinem eigenen Riesenschuppen war es kalt und unwirtlich. Doch seine Frau Katharina von Bora entwickelte aus dem, was sie in der Klosterlandwirtschaft gelernt hatte, ein erstes grünes Selbstversorgerkonzept. Sie soll damit mehr als Luther verdient haben. Auch hier gibt es Parallelen zu den Autonomieutopien der kalifornischen Aussteigerkultur.

Der andere Promoter der florierenden Exportmarke Luther hieß Lucas Cranach der Ältere. Er gilt als der Andy Warhol der Reformation. Zusammen mit seinem Sohn, Lucas Cranach dem Jüngeren, besaß er das Monopol auf sämtliche Lutherbildnisse, prägte also das Design der Marke. Die Massenprodukte wurden in seiner Werkstatt in serieller Arbeitsteilung gefertigt. Es besteht kaum ein Unterschied dazu, wie heute die großen Player Apple und Windows mit dem Copyright ihrer Innovationen verfahren.

Wo viele Gute sind, kommen noch mehr Bessere dazu. Wittenberg zog die begabtesten Studenten an, die ein ähnliches Elitebewusstsein entwickelten wie die Studenten in Oxford oder Harvard. Schüler Melanchthons klebten leere Seiten in dessen gebundene Schriften und ließen sie vom Meister signieren. Das galt als Empfehlungsschreiben. Facebook oder Xing von früher hießen demnach: Alia amicum, ich kannte ihn, er kannte mich, wir sind befreundet.

Touristen, die heute durch die zwei Hauptstraßen Wittenbergs flanieren, sehen auf der linken Seite zur Schlosskirche, die damals als Audimax der Universität ein Ort des Disputes war, fast an jeder Fassade die Tafel eines berühmten Gelehrten: Mathematiker, Theologen, Geistliche oder Poeten. In einem Haus saß der Porzellanerfinder Böttger in Arrest. Er sollte abgeschirmt von der Konkurrenz Gold herstellen. Dabei war das eigentliche Gold das geballte Wissen, das diese Stadt generierte. Von Pest und Krieg gebeutelt, brachte Wittenberg später immerhin noch so berühmte Studenten wie Lessing hervor. Aber ab 1817 verlor die Stadt den Universitätsstatus an Halle. Übrig blieb nur das Predigerseminar, bis heute. Dabei gebührt Wittenberg der Rang, den Weimar durch die Klassiker erwarb, mindestens genauso. Der Genius Loci wird durch das Reformationsjubiläum wieder spürbar. Nur: Der Geist weht, wo er will.