Hanna Jacobs, 28, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Was hab ich nicht alles versucht: Luther-Socken an den Füßen und Luther-Bonbons im Mund. Den Playmobil-Luther habe ich mir auf den Schreibtisch gestellt (seitdem er mich dort bei der Arbeit beobachtet, sitze ich auffällig oft mit dem Laptop im Wohnzimmer). Aber vergebens – das erste Drittel des großen Jubiläumsjahres ist schon verstrichen und noch immer zieht es mich nicht nach Wittenberg. Bin ich deshalb eine schlechte Lutheranerin? Oder teilen gar noch andere Gläubige nicht nur meine Konfession, sondern auch meinen Unwillen, auf Luther-Pilgerschaft zu gehen?

Einmal bin ich da gewesen, vor mehreren Jahren schon, und habe alle wichtigen Wohn- und Wirkungsorte Martin Luthers besichtigt. Es fand zufällig gerade irgendein Mittelalterspektakel statt, bei dem die Touristen den Einheimischen zusahen, wie diese mittelalterlich aussahen und redeten. Indigene, die in (vermeintlich) traditioneller Kleidung tanzen oder musizieren, das zieht überall auf der Welt, warum nicht also auch in einer sachsen-anhaltinischen Kreisstadt, deren Innenstadt etwas zu perfekt restauriert ist, um authentisch zu wirken. Vermutlich gibt es in Wittenberg auch Plattenbauviertel, aber die bleiben den meisten Wanderern auf Luthers Spuren wohl verborgen.

Lutherische Pastorinnen und Hausmeister von Schweden bis Südafrika haben mir seitdem schon begeistert von ihrer Reise in die Lutherstadt erzählt. Oder aber, wenn sie noch nicht da gewesen waren, träumten sie davon, sich einmal dorthin zu begeben, wo vor 500 Jahren alles anfing. So wie andere von einer Reise nach New York träumen. Es ist schon ein wenig verrückt, wie viele Menschen der Mann an diesen Ort zieht, der sich so vehement gegen die Verehrung von Reliquien ausgesprochen hat. Auf einen gewissen Reverend King aus Atlanta, der 1934 nach Deutschland reiste, sollen Wittenberg und der Stadt liebstes Kind gar so einen Eindruck gemacht haben, dass er bei seiner Rückkehr in die USA sich und seinen fünfjährigen Sohn Michael in Martin Luther umbenannte.

Ein Offenbarungserlebnis dieser Dimension blieb mir leider verwehrt. Ich habe den Menschen Martin Luther, das, was ihn an- und umtrieb, in der Schlosskirche zu Wittenberg nicht tiefer verstehen können. Zu stehen, wo er einst stand, hat mir nicht die Reformation neu erschlossen. Genauso wie Jesus mir beim Lesen des Neuen Testaments näher ist als beim Gang durch die Gassen von Nazareth, entdecke ich mehr Luther luther zwischen den Zeilen der Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" als zwischen Schwarzem Kloster und Lutherdenkmal auf dem Marktplatz. Moment mal, habe ich gerade tatsächlich Luther mit Jesus verglichen? Wenn das kein Kompliment an das Marketingkonzept der Luther-Dekade ist!

Natürlich ist die Frage nach dem "What would Luther do?" mehr als müßig. Aber ich wage anzunehmen, dass es ihn nicht gestört hätte, wenn sein "lieber Philippus" dieses Jahr ein bisschen von der ganzen Aufmerksamkeit abbekommen würde. Und mit ihm dessen kleine Heimatstadt Bretten.

Vor ein paar Tagen las ich übrigens, dass der amtierende Deutsche Cocktail-Meister in Wittenberg lebt und arbeitet. Und dann sind da ja jetzt die hübschen Paramente, die die herrlich exzentrische Königin von Dänemark entworfen hat. Vielleicht ist die Stadt also doch eine Reise wert, 2018 dann.