Roger Ballen, inspiriert von einem Kunstwerk von Hans Lemmen – "Dog meets dog", 2016 (Collage/Foto) © Roger Ballen Hans Lemmen, Private collection

Die Distanz zwischen den Männern beträgt etwa 10.000 Kilometer. Luftlinie. In Johannesburg arbeitet der Fotograf Roger Ballen, der aus New York stammt; seit über 30 Jahren macht er Fotos, die so einzigartig sind, dass man sie auf einen Blick erkennt – Fotos von Randexistenzen. Menschen, die das Schicksal aufgerieben hat, die seelisch und körperlich zerfasernd in höhlenartigen Szenerien hausen, umflattert von Vögeln, ein Schwein liebkosend. Eindrücke von Wildheit.

In der Einsamkeit einer niederländischen Landschaft arbeitet der Maler Hans Lemmen, 1959 in Venlo geboren, er skizziert auf patiniertem Papier die Weite von Feldern und Äckern und darin, verloren, Menschen. Oder einen Hund. Wie der Hund sich qualvoll in Telegrafendrähten verfängt. Wie er von einer nackten Gestalt verschleppt wird, so als habe diese das Tier mit hartem Griff aus einem Urgrund herausgerissen. Eindrücke von Melancholie.

Ballen ist ein internationaler Superstar, dessen Bilder im Museum of Modern Art in New York oder in der Tate Britain in London oder dem Louisiana nahe Kopenhagen hängen. Lemmen hingegen ist ein nachdenklicher Einzelgänger. Es bedarf empathischer Fantasie, bei diesen Künstlern etwas Gemeinsames zu erspüren – und des Mutes, sie zu überreden, etwas Gemeinsames zu versuchen: Roger Ballen, dessen Gestalten auf ein archaisches Existieren zurückgeworfen sind, und Hans Lemmen, dessen Menschen um den Verlust des Archaischen trauern.

Die beiden Künstler haben sich also ihre Werke zugeschickt, von einem Ende der Welt zum anderen, damit der Kollege sie tranchiere, neu komponiere, mit Segmenten eigener Bilder versetze, und so sind ihre Gemeinschaftswerke jetzt in Paris zu sehen, in einem der schönsten Museen der Stadt, dem Musée de la Chasse et de la Nature.

Ein Palast im Herzen des Marais, der einzige erhaltene des legendären Architekten François Mantsart, der den klassischen französischen Stil begründet hat, für den dieses Hôtel de Guénégaut ein exzellentes Beispiel ist, mit Ehrenhof und Granitfassaden, die durch hochgezogene Fenster fast transparent sind. Um 1650. Das Musée de la Chasse et de la Nature hat einen hundertjährigen Mietvertrag und gleich noch das danebenliegende Hôtel de Mongelas besetzt, und der Direktor Claude d’Anthenaise besitzt die wagemutige Kultiviertheit, Abenteuer in sein Haus einzuladen.

Über die Jahre hat der elegante Connaisseur eine stupende Kunstsammlung zusammengetragen. Jagdmuseum? Nun ja. Es gibt Habichte, die brav und ausgestopft auf der Stange sitzen. Ein Fuchs hat sich auf dem Gobelin eines Sessels eingerollt, beschützt von spitzen Hirschgeweihen, die hier die Armlehnen geben. Ein Kabinett der Diana, in deren Plafond der Künstler Jan Fabre die runden Köpfe von Eulen in ein Wolkenmeer aus Federn gebettet hat, von wo aus sie Besucher beäugen. Das Kabinett der Einhörner, Darstellungen aus vier Jahrhunderten, bis hin zum Video eines Einhörnleins im Regen. Im Hof spreizen sich langgliedrige Installationen aus Totholz, in das der Künstler Lionel Sabatté durchscheinende Blüten aus menschlicher Haut implantiert hat.

Sehr skurril, verwegen und verstörend. Und nun, inmitten dieser dicht gesteckten Sammlung von Bildern, Skulpturen, Kuriositäten – Unleashed, Ballen und Lemmen, von der Leine gelassen. In einem ersten düsteren Raum liegen sie in Gestalt zweier ausgestopfter Puppen auf dem Boden, Augen wie Tiere. Auf der Brust hocken Wildkatzen, als seien diese Menschen gerade Opfer eines liebkosenden Jagdtriebs geworden.

Ballens und Lemmens Bilder, die schon so vielschichtig in ihren Anspielungen sind, haben in der Kooperation noch eine Dimension dazugewonnen. Beide balancieren sie auf dem Grat, der den Menschen und das Tier, Zivilisation und das Wilde, trennt oder verbindet, je nach Sicht. In beiden Werken begegnen uns nun hybride Wesen, die der Zufall oder das Schicksal in die eine oder andere Richtung drängt. Eine kleine Verschiebung der DNA – und wäre das Schicksal des Homo erectus einem anderen Tier zugefallen?

Ballen legt einem Hund von Lemmen einen Faustkeil in die Pfote, darüber grinsendes Zähnefletschen. Oder ist es ein wissendes, trauriges Lachen? Am Bildrand rechts das Foto eines Welpen, mit fragendem Blick. Im Hintergrund, übergroß, der Umriss eines Menschengesichts, wie Höhlenmalerei, verblassend wie eine Episode der Geschichte (Dog meets dog, 2016).

Auf allen Bildern Ballens ist der Mensch aus der Dominanz des Wissenden in eine Welt verschoben, in der dunkle Mächte in surrealen Orgien nach ihm greifen, ihn bedrohen, zerstückeln. Ballen montiert eine sich schämende Nackte auf einen Ziegenbock, ihr Gesicht eine angstvolle Affenfratze. Ein getuschter Vogel hat die Füße einer Menschengestalt aufgepickt, sie baumelt kopfüber. Fantasmen der Hilflosigkeit.

Es ist, als ob Lemmens Werk in der Kooperation mit Ballen von dieser Heftigkeit infiziert wurde. Lemmen montiert etwa das schwarze Gesicht eines berühmten Fotos von Ballen auf einen gestrichelten Körper und davor einen fliegenden Hund, dessen Gestalt das Skelett durchschimmern lässt, vorweggreifend auf die Verwesung oder zurückblickend in das Erdalter, in dem Urtiere die Szene beherrschten.

Eines seiner schönsten Bilder – Three legs. Ein gemalter langgestreckter weißer Hund hat aus der südafrikanischen Wüste in flandrische Täler gefunden und steht schützend vor einem Mann, der mit ihm verschmolzen ist. Keine Frage, Hans Lemmen ist der Romantiker der beiden und sucht immer auch nach Trost.

Roger Ballen/Hans Lemmen: "Unleashed". Die Ausstellung im Musée de la Chasse et de la Nature in Paris läuft bis zum 4. Juni