ab 9 Jahren

Ganz entspannt, fast teilnahmslos liegt das Mädchen auf dem Rücken, dabei sprießt ihm gerade eine Blume aus dem Bauchnabel! Eine ziemlich hohe noch dazu, die Pflanze scheint schon eine ganze Weile zu wachsen. Doch das Kind, das sich diese Szene ausmalt, ist das Gegenteil von entspannt und teilnahmslos. Jette ist zornig und empört und angeekelt. Warum Menschen sterben müssen, hatte sie ihren Vater gefragt. Und: Was passiert nach dem Tod mit dem Körper? Dass unsere sterblichen Überreste in der Erde verbuddelt, von Würmern gefressen und schließlich selbst wieder zu Erde werden, findet die Tochter gruselig. Und als der Vater ihr erklärt, man müsse nun mal Platz machen für neue Menschen, poltert die Tochter: "Die neuen Menschen können mich mal."

Jette ist gerade zehn Jahre alt geworden, oder zweistellig, wie ihr Papa sagt. Aber statt der kindertypischen Freude über den eigenen Ehrentag sinniert das nun zweistellige Kind über das Alter und erinnert sich an seinen kleinen Bruder. Emil wäre auch so gern irgendwann zweistellig geworden, doch er hat es nicht mal bis zur Sieben geschafft. Emil starb mit sechs Jahren.

Ein Jahr ist er nun tot, Jette wohnt inzwischen in seinem alten Zimmer und versucht mit kindlicher Beharrlichkeit, das Unfassbare zu fassen. Sie erzählt vom Tag des Todes ("Papa hat mich mit dem Auto von der Schule abgeholt, während des Unterrichts, kurz nach elf"), von der Beerdigung ("ein richtiger Reinfall. Das Wetter war obermies. Alles war grau: der Himmel, der Friedhof und die Leute auch") und den Wochen danach ("Tagsüber war ich schlecht gelaunt und nachts konnte ich nicht schlafen").

Autor Jens Raschke lässt Jette von einem Alltag erzählen, der so überhaupt nicht mehr alltäglich ist; in klaren und einfachen Wörtern und Sätzen. Und durch diese kindlich naiven Schilderungen gelingt in dem kleinen Roman etwas Entscheidendes: Der Tod ist mitten im Leben verankert – da, wo er hingehört.

Jette versucht zu verstehen, wie man gerade noch lebendig und plötzlich blass "wie Joghurt" sein kann. Sie grübelt darüber nach, warum in Friedhof das Wort Hof steckt, das die Zehnjährige mit dem Platz hinterm Haus verbindet. Da, wo die Mülltonnen stehen. Ein ganzes Kapitel lang listet Jette alle möglichen Arten auf, wie Menschen sterben. Und sie wundert sich, wie laut und ungehemmt ihre Mutter weint: "Da kam so Zeug raus. Rotze, nur dünner. Rotze mit Wasser vielleicht."

Die Zehnjährige beobachtet genau, und sie ist nicht nur traurig, sondern auch sehr wütend. Darüber, dass ihr Bruder sterben musste. Dass eine Mitschülerin den Tod ihres Wellensittichs mit Jettes Verlust vergleicht. Dass ihre Lehrerin behauptet, Emil sei nun im Himmel, als Engel, Stern oder Wolke – was für ein Quatsch! Und darüber, dass ihre Mutter sie nicht mehr ansieht und immer nur weint.